Schriftwechsel von Professor Klaus Hamper zum Thema Jagd

Sehr geehrter Herr Professor Richter,

herzlichen Dank für die Übersendung der unten stehenden Stellungnahme. Vor die oder zumindest parallel zur von Ihnen eingeforderte(n) Sachlichkeit haben die Götter den Sachverstand gesetzt. Den lässt Ihre Stellungnahme vermissen.

Ich darf als erstes eine Begriffsverwirrung korrigieren. Die Kriterien einer Spam-Mail-Aktion erfüllt das von Herrn Borkenhagen initiierte Mailing sicher nicht. Eine Spam-Mail besteht – wie Sie sicher wissen – üblicherweise in einer von einem Absender an zahllose E-Mail-Adressen diffus versandte Botschaft, die meistens für ein – in der Regel zweifelhaftes – Produkt wirbt in der Hoffnung, dass irgend ein Dummkopf auf diese Werbung hereinfällt. An der Mail-Aktion des Herrn Borkenhagen haben sich hingegen offensichtlich zahlreiche besorgte Mitbürger beteiligt, die sich lediglich sehr gezielt an einen (bzw. einige wenige) Empfänger, nämlich an Sie und die anderen Fraktionen, gewandt haben. Von Spam kann also keine Rede sein. Soviel zum ersten Verständnisirrtum, den man noch als Unschärfe abtun mag, obgleich die Verwendung des Wortes „Spam-Aktion“ – ich befürchte gewollt – tendenziös ist.

Gravierend sind aber Ihre klaren Falschbehauptungen im weiteren Text Ihrer Stellungnahme. Kein ernstzunehmender Fachmann in der Frage der Überpopulation von Wild behauptet heute noch so wie Sie, dass die Vermehrung insbesondere von Wildschwein, aber auch von Reh, von Fuchs und von anderem Wild an einer mangelnden Bejagung liegt. Nie zuvor wurde in Deutschland so viel von Hobbyjägern in der Natur herumgeknallt und -getötet wie heutzutage. Es ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass die Jagd an sich eine der wesentlichen Ursachen für die unkontrollierte Vermehrung des Wildbestands darstellt, dass sie die natürlichen Multiplikationsmechanismen des Wildes nicht nur stört, sondern zerstört. Wild, das nicht gejagt wird, vermehrt sich kontrolliert und im Gleichgewicht mit seinem natürlichen Umfeld. Zahlreiche Beispiele aus größeren völlig „jagdbefriedeten“ Gebieten beweisen das. Erst und vor allem die Freizeit-Jäger zerschießen diese natürlichen Strukturen und bewirken, dass sich die Replikationsrate des Wildes reaktiv unkontrolliert erhöht. Das weiß heute jeder, der sich ernsthaft mit der Materie beschäftigt, nur die Freizeit-Jäger leugnen diese Tatsache hartnäckig. Denn die Anerkennung dieser Tatsache würde ja ihrem „Hobby“ die Grundlage entziehen.

Und so flüssig, wie Ihnen die Begriffe „Wald- und Forstwirtschaft“ oder gar „Jagdwirtschaft“ von den Lippen kommen und Sie diese sogar als „nachhaltig und geordnet“ charakterisieren, lässt vermuten, dass Sie sich zumindest vertraut im Umfeld solcher „Wirtschafter“ bewegen. Dass durch Art. 20a GG ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Bedürfnissen von Mensch, Tier, Natur und Umwelt hergestellt wird, ist ins Reich der Märchen zu verweisen. Es geht immer und primär nur um die Bedürfnisse des Menschen, für diejenigen der Tiere interessiert sich kaum jemand. Auch sonst verwenden Sie Formulierungen, die mich aufhorchen lassen: „rottenweise“, „auf das erträgliches Maß zurückstutzen“, „mit der Naturakademie (unter Leitung eines weltweit und nicht nur im heimischen Forst tätigen Großwildjägers!) am Wildpark wird zu diesem Verständnis ein wesentlicher Beitrag geleistet“ (sagt wer?), „militante Hetzkampagnen einiger Tierschützer“. Das sind Formulierungen, wie Sie nur jemand „vom Fach“ verwendet. Jagen Sie selbst? Und wie viele Freizeit-Jäger gibt es in Ihrer Vereinigung? Ich hoffe, Sie werden den Schneid haben, mir diese Frage ehrlich zu beantworten.

Auch Ihr Vergleich mit „jedem Schlachter“ hinkt mehr als grandios. Man mag zum Schlachten von Tieren stehen wie man will, man kann dem Schlachter jedoch sicher nicht vorwerfen, dass er seiner Tätigkeit als „Hobby“ oder als (noch) gesellschaftlich angesehener Freizeitbeschäftigung nachgeht. Die Nahrungsmittel“produktion“ ist für die Freizeitjäger nur ein Nebenaspekt (oder essen Sie Fuchs, Dachs, Marder, Marderhund, Haushund, Hauskatze und neuerdings ja auch wieder Wolf?). Der Schlachter verdient seinen Lebensunterhalt mit seiner blutigen Tätigkeit. Der Freizeitjäger schätzt vor allem den Nervenkitzel beim Töten. Auch dieser Schuss geht also daneben.

Ich habe mit der Teilnahme an der Mailaktion des Herrn Borkenhagen keine Hetzkampagne unterstützt. Ich bemühe mich lediglich um eine differenzierte Betrachtung der Zusammenhänge. Ich wünschte mir, Sie könnten dies auch tun. Ich hatte die „Freien Wähler“ bislang mit einer gewissen Hoffnung als mögliche Wahlalternative für die Zukunft betrachtet. Ich fürchte, dass das nach Ihrer Stellungnahme nicht mehr möglich ist.

Eigentlich schade.

Mit freundlichen Grüßen

Prof. Dr. Klaus Hamper – Am Schützenplatz 6 – D-21261 Welle – k.hamper@t-online.de

PS: Wir befinden uns mitten in einer Periode des großen Artensterbens, dennoch sind die meisten Menschen blind dafür. Sie sind so beschäftigt mit ihrem trivialen Zirkus, den anthropozentrischen Zeitvertreiben, Sport, Kunst, Klatsch, Politik, Wein, Essen und Unterhaltung. Die Menschen fiedeln, während die Erde brennt. Captain Paul Watson, www.seashepherd.de

PPS: An allem Unrecht, das geschieht, ist nicht nur der Schuld, der es begeht, sondern auch der, der es nicht verhindert. Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer

 

Von: FRAKTION FREIE WÄHLER [mailto:FW-FRAKTION@saarbruecken.de]
Gesendet: Donnerstag, 18. Oktober 2012 13:26
An: ‚Klaus Hamper‘
Betreff: AW: Keine Jagdlobby in Schulen und Kindergärten!

Zur groß angelegten Spam-Mail-Aktion von Herrn Rolf Borkenhagen erhalten Sie nachfolgend die Position der FREIE WÄHLER Stadtratsfraktion:

Menschen sind Sammler und Jäger, was in der geschichtlichen Entwicklung manchmal zu krassen Fehlentwicklungen mit Gefährdung unserer Lebensgrundlagen geführt hat. Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ist in Artikel 20 a des Grundgesetzes verankert. Ziel ist es, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Bedürfnissen von Mensch, Tier, Natur und Umwelt herzustellen. Selbst wurde ich schon als „Baummörder“ beschimpft, weil ich im Umfeld der geordneten Wald- und Forstwirtschaft meinen Brennholzbedarf gedeckt habe. Dazu gehört eine fachliche Ausbildung mit dem Motorsägenschein und den Grundkursen am liegenden und stehenden Holz. Bei der geordneten Wald- und Forstwirtschaft wird nur so viel Holz eingeschlagen, wie nachwächst und nur, wenn es ökologisch angezeigt ist. Die Aufregung besorgter BürgerInnen, wenn es im Stadtwald zum Holzeinschlag kommt, ist unbegründet. Gleiches gilt für die Wildwirtschaft. Auch hier findet eine nachhaltige und geordnete Bewirtschaftung statt. Durch mangelndes Bejagen von Schwarz- und Rotwild gibt es eine Überpopulation. Rottenweise fallen diese in Gärten, Friedhöfe und Wohngebiete ein. Wer Kontakt mit den „süßen kleinen Wildschweinen“ hat, der wünscht sich professionelle Jäger, die die Wildpopulation auf das erträgliche Maß zurückstutzen. Hier ist mehr Sachlichkeit, Verständnis und Akzeptanz gefragt. Mit der Naturakademie am Wildpark wird zu diesem Verständnis ein wesentlicher Beitrag geleistet. Die militanten Hetzkampagnen einiger Tierschützer sind nicht akzeptabel. Konsequent müssten sie auch gegen jeden Schlachter zu Felde ziehen, dessen Job ja die Tötung von Tieren zur Nahrungsmittelproduktion ist. Mehr Sachlichkeit in der Diskussion würde helfen.

Mit freundlichen Grüßen

Linda Diederich

Fraktionsassistentin

FW-FREIE WÄHLER-FRAKTION

STADTRAT SAARBRÜCKEN

Prof. Dr. Bernd Richter

Fraktionsvorsitzender
Rathaus – Carrée
66104 Saarbrücken
Telefon: 0681 – 9051866

Fax: 0681 – 9051848
eMail: bernd.richter@saarbrücken.de

 

Von: Klaus Hamper [mailto:k.hamper@t-online.de]
Gesendet: Donnerstag, 11. Oktober 2012 21:27
An: OBERBÜRGERMEISTERIN (LHS D1); STAUB, ROLF (LHS D1); SPD-FRAKTION; mail@stadtratsfraktion.de; gruenen@saarbruecken.de; FRAKTION FREIE WÄHLER; FRAKTION DIE LINKE; FDP-FRAKTION; peter.gillo@rvsbr.de; poststelle@bildung.saarland.de
Betreff: Keine Jagdlobby in Schulen und Kindergärten!

Sehr geehrte Damen und Herren,

anlässlich der Eröffnung des Waldklassenzimmers im Wildpark Saarbrücken am  08. September 2012 protestierte eine Arbeitsgemeinschaft saarländischer Tierschutzorganisationen (u. a. die Albert-Schweitzer-Stiftung sowie Menschen für Tierrechte) gegen eine pädagogische Beeinflussung unserer Kinder durch die Naturakademie Saar und deren Leiter, dem Grosswildjäger Roman Wüst. Wüst, der sich gerade im Oktober erst beim diesjährigen „Jagdfest“ auf dem Linslerhof in Überherrn mit diffusen pseudopädagogischen Thesen zu Wort gemeldet hat, und in einem „Aufruf an die Jägerschaft“ künftige Werbestrategien entwarf, bestätigt erneut alle unsere Befürchtungen. 

http://www.europaeische-jagdtage.de/aufruf-an-die-jaegerschaft/index.html

Ich protestiere eindringlich dagegen, dass unsere Kinder von Hobbytiertötern, die zudem noch Jagdreisen auf zum Teil artengeschützte Grosswildtiere anbieten, unterrichtet werden. Es kann nicht sein, dass unsere Kinder zur Imagewerbung für einen umstrittenen Wirtschaftszweig missbraucht werden, der sich u.a. mit der gewinnorientierten Vermarktung des Tötens von Wildtieren finanziert.

Ich lehne es strikt ab, dass unsere Kinder zu Werbezwecken für ein blutiges Freizeitverhalten benutzt werden. Hobbyjäger sind keine ausgebildeten Pädagogen und Herr Wüst ist aus unserer Sicht sicher auch kein Vorbild für Tierschutz. Die Naturakademie Saar ist in ein jagdlastiges Gesamtkonzept eingebunden. Herr Wüst ist nach eigenen Worten Jäger aus Leidenschaft. Dadurch kann eine Neutralität nicht gegeben sein. Eine natur- und tierkundliche Unterrichtung, welche unseren Kindern Empathie für unsere Mitlebewesen nahe bringen soll, ist in diesem Milieu undenkbar. 

Ich fordere ein ehrliches und transparentes Vorgehen von der Stadt Saarbrücken und der Landesregierung. 

Ich fordere die Kündigung der Kooperation zwischen der Naturakademie Saar unter Leitung des Grosswildjägers Roman Wüst und der Stadt Saarbrücken; ausserdem: Keine Jagdlobby in  Schulen und Kindergärten!

Mit freundlichen Grüßen

P. S. Hintergrundinformationen:

http://www.europaeische-jagdtage.de/gedanken-zur-jagd-und-jaegern/index.html

http://adlertours.de/pages/wir-FCber-uns.php

http://www.naturakademie-saarland.de/links.html

Prof. Dr. Klaus Hamper – Am Schützenplatz 6 – D-21261 Welle – k.hamper@t-online.de

PS: Wir befinden uns mitten in einer Periode des großen Artensterbens, dennoch sind die meisten Menschen blind dafür. Sie sind so beschäftigt mit ihrem trivialen Zirkus, den anthropozentrischen Zeitvertreiben, Sport, Kunst, Klatsch, Politik, Wein, Essen und Unterhaltung. Die Menschen fiedeln, während die Erde brennt. Captain Paul Watson, www.seashepherd.de

PPS: An allem Unrecht, das geschieht, ist nicht nur der Schuld, der es begeht, sondern auch der, der es nicht verhindert. Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer

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