Mitteldeutsche Zeitung WEB und VOLKSSTIMME Magdeburg vom 18.03.2011: Ermittlungen gegen Wiesenhof

MZWEB 

Geflügelschlachtung

Ermittlungen gegen Wiesenhof

erstellt 18.03.11, 12:03h

 

Ein Mitarbeiter des Wiesenhof-Geflügelwerkes im niedersächsischen Holte klebt am 05.02.2008 Plaketten mit der Aufschrift Ohne Gentechnik auf in Folie verschweißte Brathähnchen. (FOTO: DPA)

Bild als E-Card versenden

Möckern/Stendal/dapd. Wegen möglicher Umweltverstöße ermittelt die Staatsanwaltschaft Stendal gegen den Geflügelschlachtbetrieb Wiesenhof in Möckern (Jerichower Land). Es bestehe der Verdacht auf unerlaubtes Betreiben von Anlagen, sagte eine Behördensprecherin am Freitag in Stendal auf dapd-Anfrage und bestätigte damit einen Bericht der «Magdeburger Volksstimme». Wie Kontrollen des Landkreises und des Landesverwaltungsamtes ergeben hätten, soll die Firma seit Ende 2009 mehrfach die Mengenbegrenzungen von Schlachttieren überschritten haben.

Täglich dürfen in dem Betrieb bis zu 240 Tonnen Geflügel (Lebendgewicht) geschlachtet werden, wie ein Sprecher des Landesverwaltungsamt der «Magdeburger Volksstimme» sagte. Weil das Unternehmen diese Grenze verletzt habe, sei bereits am 30. Juli vergangenen Jahres ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet worden. Am 24. November erstattete das Landesverwaltungsamt den Angaben zufolge Strafanzeige und leitete weitere, danach gewonnene Kontrollergebnisse an die Staatsanwaltschaft weiter.

Für eine Stellungnahme war der Schlachtbetrieb auf dapd-Anfrage zunächst nicht zu erreichen.

Volksstimme

Landesverwaltungsamt zeigt Möckerner Hähnchenschlachtbetrieb bei Staatsanwaltschaft an

Schlachtzahlen überschritten? Ermittler prüfen Wiesenhof

Von Winfried Borchert

 

 


Der Geflügelmast- und -schlachtbetrieb Wiesenhof in Möckern. Der zur bundesweit agierenden PHW-Gruppe gehörende Betrieb mit Hauptsitz in Niedersachsen soll Behördengenehmigungen verletzt haben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Stendal. Foto: privat

Die Staatsanwaltschaft Stendal ermittelt gegen die Wiesenhof Geflügel Möckern GmbH. Nach Angaben des Landesverwaltungsamtes soll der Hähnchenmast- und Schlachtbetrieb im Jerichower Land seit mehr als einem Jahr die Genehmigungsgrenzen für Schlachttiere zum Teil deutlich überschreiten.

Möckern/Stendal. Das Landesverwaltungsamt in Halle erstattete bereits Ende November Strafanzeige wegen des Verdachts auf „unerlaubtes Betreiben von Anlagen“ (§ 327 Strafgesetzbuch). Wie eine Behördensprecherin auf Nachfrage erklärte, hätten Kontrolleure des Landesverwaltungsamtes und des Landkreises Jerichower Land in den vergangenen Monaten mehrfach Überschreitungen der genehmigten Schlachtleistungen festgestellt.

In und um Möckern existieren zahlreiche Hühner- bzw. Hähnchenmästereien mit insgesamt etwa zwei Millionen Tieren, von denen die meisten Tiere an die Wiesenhof-Schlachterei Möckern liefern.

Laut Landesverwaltungsamt dürfen dort täglich bis zu 240 Tonnen Geflügel (Lebendgewicht) geschlachtet werden. Weil das Unternehmen die Grenze verletzte, sei bereits am 30. Juli vergangenen Jahres ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet worden. Am 24. November erstattete das Landesverwaltungsamt schließlich Strafanzeige und leitete weitere, danach gewonnene Kontrollergebnisse an die Staatsanwaltschaft weiter.

Brigitte Strullmeier, Vize-Sprecherin der Stendaler Staatsanwaltschaft, sagte, die Ermittlungen dauerten an. Sie richteten sich formell gegen den Geschäftsführer des Schlachtbetriebes, Michael S. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohe den Verantwortlichen eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren beziehungsweise eine Geldstrafe.

Wiesenhof-Sprecher Frank Schroedter zeigte sich von den Vorwürfen überrascht. Auf Volksstimme-Anfrage behauptete er: „Es liegt definitiv keine Strafanzeige gegen unsere Firma vor.“ Der Nachfrage, ob das Unternehmen vorgeschriebene Schlachtgrenzen überschritten habe, wich der Sprecher aus: „Diese Frage erübrigt sich.“

Bürgermeister vermutet eine Verschwörung

Wiesenhof gehört zur bundesweit operierenden PHW-Gruppe mit Hauptsitz im niedersächsischen Rechterfeldt und einem Jahresumsatz von rund zwei Milliarden Euro.

Für Möckern hat der dortige Firmensitz besonderes Gewicht. „Das ist der Betrieb mit den meisten Arbeitsplätzen, rund 350. Außerdem der einzige größere Betrieb, der die Wende überstanden hat“, sagt Bürgermeister Frank von Holly (CDU). Vor 1990 war in Möckern ein DDR-Kombinat für Broilermast ansässig.

Der Bürgermeister lässt auf Wiesenhof nichts kommen, vermutet sogar eine Verschwörung. „Dahinter stecken zwei Mitarbeiter des Landkreises und des Landesverwaltungsamtes. Die haben einen abgrundtiefen persönlichen Hass auf Wiesenhof“, meint von Holly.

Dagegen forderte Ralf Bergmann, der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, die Behörden dazu auf, „bei Verstößen hart durchzugreifen“. Bergmann sagte, die weitere Ansiedlung von industriellen Mastanlagen in Sachsen-Anhalt müsse nach der Landtagswahl neu diskutiert werden, „gleich, welche Partei immer die nächste Landesregierung stellt“.

Die Bundestagsabgeordnete Undine Kurth (Grüne) verlangte eine Abkehr von der industriellen Tiermast. „Es zeigt sich immer wieder, dass der ökonomische Druck dieser Wirtschaftsform zu Fehlentwicklungen führt, mehr Arbeitsplätze vernichtet als neu schafft und ökologische Probleme verschärft.“ Die Alternative sei eine bäuerliche Landwirtschaft, für die unter anderem auch der Deutsche Bauernbund eintritt. Meinung

Kommentar: Keine Lappalie

[ document info ]
Copyright © Volksstimme.de 2011
Dokument erstellt am 18.03.2011 um 05:31:47 Uhr
Erscheinungsdatum 18.03.2011 | Ausgabe: sachsenanhalt

Ermittlungen gegen Wiesenhof

Keine Lappalie

 

 

Das Ermittlungsverfahren wegen möglicher rechtlicher Verstöße in der Wiesenhof-Schlachterei Möckern ist noch nicht abgeschlossen. Insofern ist es zu früh für eine abschließende Bewertung. Allerdings wirkt es auf Außenstehende nicht eben vertrauensbildend, wenn der Firmensprecher Tatsachen glattweg leugnet und der Bürgermeister öffentlich über Verschwörungstheorien fantasiert.

Denn die Vorwürfe sind alles andere als eine Lappalie, was nicht zuletzt das mögliche Strafmaß von bis zu drei Jahren Haft belegt. Anstatt abzulenken, sollte das Unternehmen aktiv an der Aufklärung der Vorwürfe mitwirken. Alles andere würde die ohnehin wachsenden Vorbehalte in der Bevölkerung gegen die industrielle Tierproduktion, gegen Schweine- und Hähnchenfabriken, weiter nähren. Die Agrarindustrie und ihre Lobby müssen aufpassen, nicht den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen.

[ document info ]
Copyright © Volksstimme.de 2011
Dokument erstellt am 18.03.2011 um 05:30:10 Uhr
Erscheinungsdatum 18.03.2011 | Ausgabe: meinungunddebatte

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Medien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.