Tierärzte gegen Massentierhaltung und Agrarindustrielobby

Mehr als 50 Tierärztinnen und Tierärzte haben sich in einem neu gegründetem Tierärztlichen Forum für verantwortbare Landwirtschaft auf ein Positionspapier zum Thema Massentierhaltung verständigt.

Es ist schon sehr bemerkenswert wenn sich diese Fachleute so ganz eindeutig gegen die Massentierhaltung aussprechen und auf die erheblichen Gefahren für Menschen, Umwelt und Tiere hinweisen.

Das man die eigene berufsständische Vertretungen – der Bundestierärzte-kammern und den Landestierärztkammern- zu einer Abkehr ihrer der-zeitigen Positionen und u.a. zu mehr Distanz zu den Lobbyisten der Agrar-industrie auffordert, zeugt davon, dass diese Standesorganisationen augenscheinlich viel zu lang die Standpunkte der Agrarindustrie unkritisch übernommen hat.

Denn Entscheidern in Politik und Verwaltung sei dringend angeraten diese Experten zu hören und deren Meinungen ernst zu nehmen.

Hier nun der Wortlaut des Positionspapiers:

 

Tierärztliches Forum für verantwortbare Landwirtschaft

Positionspapier

Die Tierärztinnen und Tierärzte dieses Forums postulieren, dass die durch industrialisierte Landwirtschaft verursachten erheblichen Probleme systembedingt weiter zunehmen. Da die Bereiche Tierschutz und Medikamenteneinsatz in der beruflichen Zuständigkeit der Tierärzte liegen, nehmen gerade sie, die Tierärzte, im System eine Schlüsselposition ein. Ihnen fällt die Pflicht zu, sich dieser Aufgabe zu stellen und sie verantwortungsbewusst auszufüllen.

Landwirtschaft wird zunehmend industrialisiert und ökonomisiert, getrieben von global agierenden Chemie-, Pharma-, Düngemittel-, Gentechnik-, Futtermittel- und Tierzuchtkonzernen mit supranationalem Einfluss. Diese Entwicklung wird durch politische Rahmenbedingungen und öffentliche Gelder (Subventionen) gefördert, wodurch die Billigproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse massiv ausgeweitet werden konnte. Industrialisierte Landwirtschaft verbraucht hohe Mengen vorwiegend fossiler Energie und rentiert sich nur, weil das Verursacherprinzip nicht durchgesetzt wird: Die Kosten der kurz- und langfristigen Schäden für Mensch, Tier und Umwelt werden nicht von den Verursachern getragen, sondern auf Einzelne und/oder die jeweiligen Staaten abgewälzt und damit steuerfinanziert.

Auf diese Weise werden in unverantwortlichem Maße ökologische Lebensgrundlagen, Gesundheit, das soziale Miteinander der Menschen sowie das Wohl der Tiere geschädigt. Dabei wirkt die Forcierung des Fleischkonsums als eine der Hauptursachen für die Zunahme des Welthungers.

Im Einzelnen verschärft die Entwicklung eine Fülle miteinander verbundener Risiken:

Zerstörung, Vergeudung und Verschmutzung der natürlichen Ressourcen: Boden und Bodenfruchtbarkeit, Wasser und Atmosphäre. Verlust der wilden ebenso wie der gezüchteten Artenvielfalt, Kontamination der Ökosysteme mit Nitraten, Pestiziden und Stoffen mit pharmakologischer Wirkung (Antibiotika, Hormone).

Gefährdung der menschlichen Gesundheit durch die Entstehung und Ausbreitung antibiotikaresistenter Keime in Intensivtierhaltungen sowie chem./ pharmakologische Rückstände in Lebens- und Futtermitteln.

Haltung von Nutztieren (besonders Schweinen und Geflügel) unter Bedingungen, die ihr Wohlbefinden, das Ausleben ihrer Bedürfnisse und Verhaltensweisen erheblich beeinträchtigen, in denen Schmerzen und Leiden der Tiere einkalkuliert und den Tieren jegliche Würde genommen wird. Qualzucht durch Selektion auf Hochleistung, Anpassung an nicht tiergerechte Haltungsbedingungen durch Amputationen und andere Eingriffe sowie durch hohen Medikamenteneinsatz. Diese Praxis stellt eine Missachtung des als Staatsziel im Grundgesetz verankerten Schutzes der Tiere als unsere Mitgeschöpfe dar.

Verdrängung kleinerer, regionaler Strukturen durch industrialisierte Großbetriebe, in denen die Betreuungsintensität der Tiere reduziert ist. Verbunden ist diese Entwicklung mit negativen sozialen Folgen für die Landbevölkerung und die Struktur des ländlichen Raumes insgesamt.

Durch hohen Flächenverbrauch für eiweißreiche Importfuttermittel einerseits und (subventionierte) Exporte von Fleisch und anderen Agrargütern andererseits: Verlust von Ernährungsgrundlagen und –souveränität der Bevölkerung in der 3. Welt. Einheimische Lebensmittelproduktion, das Preisgefüge einheimischer Märkte und ganze Ökosysteme werden zerstört. Das alles verschärft massiv die Welthunger-situation.

Ihre Schlüsselposition können viele Tierärzte unter diesen Bedingungen nur defizitär ausfüllen:

Die Abhängigkeit der Nutztierpraktikerinnen und Nutztierpraktiker von der industrialisierten Tierhaltung und den ökonomischen Rahmenbedingungen nimmt zu, immer häufiger bestimmen daher Effizienzsteigerung und Sachzwänge tierärztliches Handeln.

Amtstierärztinnen und Amtstierärzte sind einem übermäßigen Druck aus Politik und Agrarwirtschaft ausgesetzt. Sie sind an den erheblichen Vollzugsdefiziten im Nutztierschutz beteiligt. So ist das Erteilen von Ausnahmegenehmigungen zur Durchführung von Eingriffen am Tier zur Anpassung an Haltungsbedingungen zum Regelfall geworden.

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Viele Tierärzte fühlen sich diesem Druck weitgehend hilflos ausgesetzt und sehen kaum noch Freiräume für eigenverantwortliches Handeln im Sinne der Berufsordnung (Tierärzte als „berufene Schützer der Tiere“).

Es hat sich gezeigt, dass tierärztliche Arbeit an den systembedingten tierschutz-relevanten Symptomen und Begleiterscheinungen der industriemäßigen Tierhaltung nichts an der Grundproblematik verbessern konnte. Vielmehr wirkt fachlich gute Arbeit letztlich als Stütze des kranken Systems – ein Dilemma.

Trotz alledem betonen Vertreter der Politik im Verein mit der Landwirtschaftslobby stets, das deutsche Tierschutzgesetz sei das Beste, die Überwachung funktioniere und deshalb sei alle Kritik unangemessen. Die Probleme der Tierhaltung werden auf Managementfehler im einzelnen Bestand reduziert, anstatt sie als Folge des industriemässigen Haltungssystems zu erkennen. Tierärztliche Standesvertreter dürfen diese Position nicht länger aufrechterhalten. Es gilt, im gesellschaftlichen Verbund Lösungen für diese Misere zu finden, anstatt Ursachen zu verschweigen und Missstände zu leugnen. Sowohl die agrarwissenschaftlichen, als auch die tiermedizinischen Ausbildungsstätten sind gefordert, einen kritischen Diskurs zum Thema einzuleiten und sich für die Entwicklung von Alternativen zu engagieren.

Tierärztliche Universitäten und Standes- und Verbandspolitik dürfen nicht länger zur weiteren Stabilisierung und Forcierung des agrarindustriellen Systems beitragen.

Im Sinne des Tierschutzes und der Lebensmittelqualität sind wir Tierärztinnen und Tierärzte jedoch verpflichtet, die Ambivalenz öffentlich zu machen und das Agrarsystem mit seinen weiter zunehmenden Bestandsgrößen, Bestandsdichten, hohem Infektionsdruck und Medikamenteneinsatz sowie das Ausmaß des Fleischkonsums auf allen Ebenen zu kritisieren, um damit glaubwürdig zu einem Systemwechsel beitragen zu können.

Von den Standes- und Verbandsvertretern fordern wir einen forcierten Diskurs über zukünftiges tierärztliches Wirken im Bereich der Nutztierhaltung, unabhängiges Denken sowie Distanz zu politischen und wirtschaftlichen Lobbyisten, auch, weil es im Interesse des gesamten Berufsstandes liegen muss, gesellschaftlich akzeptiert zu bleiben.

Wir werden alle Möglichkeiten nutzen, unsere Position sowohl innerhalb des Berufsstandes als auch in der Öffentlichkeit zu vertreten und stehen einer Zusammenarbeit mit Initiativen gleicher Zielrichtung aufgeschlossen gegenüber.

Unterzeichnende des Positionspapiers:

Dr. Ines Advena

Clemens Arntz

Dr. ElisabethBachthaler

Dr. Andreas Becker

Dr. Dietrich von Bomhard

Michaela Dämmrich

Dr. Rupert Ebner

Walter Egel-Weiß

Dr. Hans-Heinrich Fiedler

Dr. Hermann Focke

Dr. Tanja Frey

Alois Gerster

Dr. Sandra Graf-Schiller

Dr. Walter Gränzer

Dr. Harald Grünau

Anke Hägele

Dr. Andrea Hagenlocher

Jürgen Hammer

Dr. Viola Hebeler

Wilhelm Höfer

Dr. Karen von Holleben

Dr. Anita Idel

Dr. Ilse Köhler-Rollefson

Ute Kurzbein

Dr. Ralf Lang

Jeannette Lange

Dr. Jo-Ann Lawrence

Dr. Matthias Link

Kerstin Paal

Ulrike Peschel

Karl Pfizenmaier

Dr. Claudia Preuß-Ueberschär

Dr. Axel Reetz

Kristin Resch

Dr. Christiane Rester

Dr. Georg Rist

Dr. Norbert Roers

Dr. Margit Rogalla

Nicki Schirm

Sonja Schirmer

Mahela-Naemi Schmidt

Dr. Silke Schönthaler

Dr. Jennifer Seeckts

Dr. Renate Seidel

Dr. Ulrich Spielberger

Dr. Hiltrud Straßer

Dr. Andreas Striezel

Dr. Christina Sultan

Dr. Karin Thissen

Dr. Kirsten Tönnies

Dr. Christian Torp

Nicole Tschierse

Prof. Dr. Siegfried Ueberschär

Karin Ulich

Nick Veit

Christin Veit

Dr. Martin von Wenzlawowicz

Dr. Annerose Weiß

Kontakt: Tieraerztliches-Forum@gmx.de                    

Professor Dr. Siegfried Ueberschär

Stand: 22.10.2012

 

 

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