Wie die Agrarindustrie versucht sich reinzuwaschen – Report Mainz (SWR) vom 05.02.2013

In der jüngsten Sendung von Report Mainz vom SWR berichten die Journalisten Oda Lambrecht und Edgar Verheyen über den Versuch von Teilen der Agrarindustrie sich mit Hilfe des Tierschutzlabels reinzuwaschen.

Interessant dazu auch das Gespräch mit den beiden Autoren des Beitrags.

Zu dem Tierschutzlabel und dem so genannten Greewashing hat die AbL (Arbeitsgemienshft bäuerliche Lsndwirtschaft) die folgende Pressemitteilung veröffentlicht:

Schweine-Mastställe von Tierschutzlabel „light“ in der Kritik 

Vor dem Hintergrund einer kritischen ARD-Report-Sendung zum neuen Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbunds und des VION-Fleischkonzerns bei Mastschweinen hat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) dringlich davor gewarnt, mit „Tierschutzsiegeln light“ falsche Verbrauchererwartungen zu wecken. Dies könne zu erheblichen Vertrauensverlusten in solche Siegel insgesamt und zu einer Enttäuschung bei beteiligten engagierten Landwirten führen und sogar den gesamten Nutztierschutz beeinträchtigen. Die AbL äußerte zwar Verständnis für das Bestreben des Tierschutzbunds, über eine „Einstiegsstufe“ einen breiteren Nutztierschutz zu ermöglichen – im Interesse des Verbrauchervertrauens sei jetzt aber dringend eine grundlegende Verbesserung dieser Label-Kriterien bei Mastschweinen geboten.   

Die Sendung „Report Mainz“ werde am Dienstag nicht nur über einzelne höchst kritikwürdige Zustände berichten, sondern auch die geringen Standards in der „Einstiegsstufe“ des Siegels kritisieren, die vom Deutschen Tierschutzbund mit einem silbernen „Tierschutzstern“ zertifiziert würden. Nach allen Erfahrungen reiche es nicht aus, den Tieren etwas mehr Platz zu geben und bei Weiterbestehen des Spaltenbodens lediglich eine Gummimatte auf einen besser belüfteten Liegeplatz zu legen. Dadurch könnten Klauenverletzungen auf den Spaltenböden und Lungenschäden durch die Gülle unter den Spalten nicht beseitigt werden und vor allem auch nicht das Schwanzbeißen der haltungsgestressten Mastschweine. 

Trotz eindeutiger Vorgaben der EU, die das Abschneiden (Kupieren) der Ringelschwänze untersagten, werde dies in Deutschland über so genannte „Ausnahmegenehmigungen“ weiter bei ca. 90% der Schweine so praktiziert. Man wolle so den Umbau auf eine artgerechte Tierhaltung mit Stroh vermeiden. Schweine bräuchten aber einen festen Boden mit Stroheinstreu zum stressfreien Wühlen und Spielen. Bei den modernen und arbeitsrationellen Strohhaltungssystemen von Bioverbänden (wie Bioland oder Demeter) und konventionellen Programmen wie „Neuland“ komme ein begrenzter Auslauf dazu, damit die Tiere draußen „ihr Geschäft erledigten“ und der Stall selbst trocken bleibe. Bei diesen mit dem Zweistern-„Goldlabel“ zertifizierten Programmen bleibe der Ringelschwanz als sichtbares Zeichen für das Wohlbefinden der Tiere dran. 

Es sei dagegen kaum vermittelbar, dass das „Einstiegsstufen“-Tierschutzlabel in einer zweijährigen Übergangszeit sogar das Kupieren der Schwänze erlaube und damit noch hinter die EU-Vorgaben zurückfalle. Die EU-Richtlinie verlange auch ausdrücklich den Zugang der Schweine zu Stroh als Einstreu – die Metallröhre in den gelabelten Ställen, aus der die Tiere sich gepresste Strohtabletten zum Kauen ziehen könnten, erfülle diese Vorgabe nicht. Wenig nachvollziehbar sei auch, dass das Einstiegs-Label nicht einmal Reduktions-Vorgaben hinsichtlich der Antibiotika mache und gentechnikfreies Futter erst nach 3 Jahren vorschreiben wolle.

 
Ein solches „Tierschutzsiegel light“, so die AbL, nütze bäuerlichen Betrieben nicht, sondern schade ihnen sogar. Bio- und Neulandbauern befürchteten zu Recht, dass die Konkurrenz des Billig-Siegels ihren Absatz und ihre Standards gefährde. Die am Label-Programm beteiligten, bisher nur 15 Betriebe bekämen zwar den Umbau der Ställe gefördert, aber keine kostendeckenden Erzeugerpreise. Die Mäster würden durch dieses Programm zudem an den VION-Konzern gebunden, der vom ISN-Schweinehalter-Verband seit längerem wegen seiner Preisdrückerei heftig angeprangert werde. Der in die Krise geratene VION-Konzern wolle sich offensichtlich mit seiner minimalen „Billigtierschutz-Marketingblase“ vor allem ein besseres Image verschaffen.

Deutliche Kritik äußerte die AbL auch an der viel zu hohen Obergrenze des Labels. Erlaubt seien Ställe bis zu 3.000 Schweinen – während bei der Novellierung des BundesBauGesetzbuchs eine Obergrenze schon bei 1.500 Mastplätzen debattiert werde. Eine futterflächen-gebundene und artgerechte Tierhaltung ohne Antibiotika-Abhängigkeit könnten nur Bauernhöfe umsetzen. Nur eine klare Abgrenzung zu Agrarfabriken könne verhindern, dass weiterhin mittelständisch-bäuerliche Betriebe durch die ruinöse Überschussproduktion von weiteren Großmastanlagen vom Markt verdrängt würden. Dies entspreche auch der Forderung des bundesweiten Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“, dem der Tierschutzbund beigetreten sei und das auf ein EU-weites Verbot von Agrarfabriken und Stresshaltung dränge. Es wäre fatal, so die AbL, wenn sich Bürgerinitiativen besorgter Anwohner auch gegen Großställe des Tierschutz-Labels richten müssten.                                                             4.730 Zeichen  –  04.02.2013              

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft), Allgemein, Bauernhöfe statt Agrarfabriken (BsA), Lebensqualität, Medien abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.