Pressemitteilung der AbL vom 19.09.2012: Agrarindustrielle LPG-Nachfolgebetriebe verkaufen sich an Agrarkonzerne

Pressemitteilung

Agrarindustrielle LPG-Nachfolgebetriebe verkaufen sich an Agrarkonzerne 



Auf den laufenden Übergang vieler ostdeutscher Nachfolgebetriebe der agrarindustriellen „Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaftem“ (LPG), die durch politischen Zwang zur „industriemäßigen Agrarproduktion“ zu DDR-Zeiten geschaffen und in veränderter Form nach der Wende bestehen blieben, an neue Agrarkonzerne weist die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hin. Jüngstes Beispiel sei die Übernahme eines „erheblichen Pakets von Geschäftsanteilen“ der vorpommerschen Ducherower Agrar GmbH durch den Heizungs- und Biogas-Industriellen Martin Viessmann. Dieser Deal sei offenbar eingefädelt worden durch den GmbH-Geschäftsführer Eckhard Schröderl, laut „Spiegel“ zu DDR-Zeiten LPG-Leiter und und SED-Parteisekretär, der die „Landwirtschaftliche Produktions-Genossenschaft“ (LPG) nach der Wende „schnell und clever in Privateigentum überführt“ habe und dessen „Agrar GmbH“ nunmehr über drei Gesellschaften bürgerlichen Rechts throne, mit 6 „ehemaligen LPG-Genossen“ und rund 5.000 Hektar.

Solche Geschäfte zwischen Agrarindustriellen und Entscheidungsträgern der DDR-und Nachwende-Zeit und Agrarkonzernen nehmen laut AbL massiv zu: Als bekannt gewordene Beispiele für große außerlandwirtschaftliche Agrarinvestoren liste eine Studie des Brauschweiger vti-Instituts auf: den Möbelkonzern Steinhoff mit 20.000 ha, die JLW Holding (Lindhorst-Gruppe) mit 24.000 ha, die KTG Agrar mit 28.000 ha, die Tonkens Agrar mit 3.000 ha, die Südzucker mit 10.000 ha in Deutschland und 7.000 ha im Ausland, die „Wimex“ (PHW-Gruppe) mit 7.000 ha, die Osterhuber Agrar mit 7.000 ha und 24.000 Rindern, den Ex-Fleischmanager Rodo Schneider mit 6.200 ha sowie Bullenmast und Mutterkuhhaltung, die Rethmann-Gruppe mit 6.500 ha, die Fiege-Gruppe mit 4000 ha und 5.500 Rindern und die AgroEnergy AG mit 4.150 ha. In letzter Zeit sind laut AbL auch die „Mac Agrar GmbH“ des hessischen Ex-Landhandels Roth oder die L.S.G.HmbH des ostholsteinischen Gutsbesitzers und Ex-Bankers Christian Heine ins Blickfeld geraten, ebenso Proteste gegen die offenen oder heimlichen Übernahme-Strategien großer LPG-Nachfolgebetriebe gegenüber benachbarten Agrarbetrieben.

Nach der Wende hätten sich viele ehemalige DDR-Agrarkader zunächst ihre weitere Dominanz bei den –  in GmbHs oder Genossenschaften umgewandelten – Landwirtschaftlichen Produktions-Genossenschaften (LPGen) gesichert. Dies sei mit Hilfe der offiziellen Agrarpolitik zu Lasten von LPG-Beschäftigten, Landeigentümern und Hofgründern erfolgt. Kritische ostdeutsche Wissenschaftler und die AbL hätten seit vielen Jahren auf diese Entwicklung hingewiesen, u.a. Jörg Gerke in seiner bemerkenswerten Dokumentation „Nehmt und Euch wird gegeben“ –  zuletzt bei der Enquetekommission zur „Aufarbeitung der Geschichte und Bewältigung von Formen der SED-Diktatur und des Übergangs in einen demokratischen Rechtsstaat im Land Brandeburg“. Der Spiegel hatte bereits vor Jahren unter dem Titel „Bauernland in Bonzenhand“ und „Belogen und betrogen“ die Herrschaft einer Kaste neuer „roter Junker“ in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands beschrieben.

Jetzt, so die AbL, stehe in den LPG-Nachfolgebetrieben ein Generationswechsel an, bei dem älter gewordene Eigner der LPG-Nachfolgebetriebe oder deren Kinder ihre Eigentumsrechte mit hohem Gewinn abstoßen wollten. Diese Situation und die Notlage vieler Ost-Agrargenossenschaften nutzten nun außerlandwirtschaftliche Investoren und auch andere LPG-Nachfolger, um regelrechte Landbau-Konzerne mit vielen Tausenden oder Zehntausenden von Hektaren aufzubauen.
Mittlerweile, so Branchenkenner, habe diese Übernahmewelle bereits etwa ein Drittel aller LPG-Nachfolgebetriebe erfasst. Als besonders bedrohlich bewertet die AbL neue „unheilige Allianzen“ von LPG-Nachfolgebetrieben und Landbau-Konzernen mit agrarindustriellen Biogasbetreibern und Tierhaltungskonzernen. Deren Agrarfabriken mit Zehntausenden von Schweinen oder Hunderttausenden von Hühnern überträfen durchweg noch die Verhältnisse in den Tierfabriken der ehemaligen DDR-„Kombinate Industrielle Mast“. 

Dies alles, so AbL-Agrarindustrie-Experte Eckehard Niemann, führe zum weiteren Ausbluten ostdeutscher ländlicher Regionen und zur Gefährdung von Arbeitsplätzen im Tourismus. Dagegen wehrten sich mittlerweile in vielen ostdeutschen Regionen starke Bürgerinitiativen des Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“. Gerade die ostdeutschen Dörfer bräuchten keine regions-schädliche Agrarindustrie, sondern vielfältige bäuerliche und mittelständische Strukturen mit artgerechter Tierhaltung und mit vielen sinnvollen Arbeitsplätzen. 

Die AbL unterstütze die Pläne der EU-Kommission, die Zahlung von Flächenprämien-Millionen an riesige Landbau-Konzerne zu beenden und die Subventionen umzusteuern auf die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen in bäuerlichen Betrieben und für den Aufbau umweltfreundlicher, lebendiger ländlicher Regionen. Eine solche Kehrtwende werde von der Bundesregierung und den ostdeutschen Landesregierungen dringend eingefordert.                         

5.100 Zeichen – 19.09.2012

Dieser Beitrag wurde unter AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft), Allgemein, Bauernhöfe statt Agrarfabriken (BsA), Bürgerinitiativen, Gefahren, Gesundheit, Lebensqualität, Medien, Naturschutz, Pressemitteilungen, Tierschutz abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.