Pressemitteilung der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft) vom 30.01.2011: AbL kritisiert Agrarindustrie-Propaganda des Bauernverbands

Pressemitteilung


AbL kritisiert Agrarindustrie-Propaganda des Bauernverbands

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) hat die Spitze des Deutschen Bauernverbands aufgefordert, die für die große Mehrheit der Landwirte ruinöse Agrarindustrialisierung nicht länger zu beschönigen und in ihren Verlautbarungen endlich eine klare Unterscheidung zwischen Agrarfabriken einerseits und mittelständischen, bäuerlichen Betrieben andererseits zu machen. Die Bauern seien es leid, in der Öffentlichkeit immer wieder mit den wirklichen Massentierhaltern und Agrarindustriellen gleichgesetzt zu werden. Die agrarindustrielle Betätigung und die enge Verfilzung führender Bauernverbands-Funktionäre mit Ernährungs-, Futtermittel- und Agrarindustrie über viele gut bezahlte Aufsichtsrats-Posten gehe zu Lasten der Interessenvertretung der allermeisten Bauern.

Die AbL kritisierte, dass der Bauernverband die wachsende Dominanz der Agrarfabriken in seinen Presseerklärungen verschleiere, indem er die riesigen Tierbestände in den Agrarfabriken mit den Tierzahlen in landwirtschaftlichen Betrieben zu aussageleeren und beschönigenden Durchschnittszahlen verrechne. Dabei habe die aktuelle Landwirtschaftszählung 2010 ergeben, dass nur 4% der Betriebe mit jeweils 2.000 und mehr Schweineplätzen mittlerweile bereits 31% der Schweine hielten (davon 1% der 5.000er-Betriebe immerhin 13% der deutschen Schweine). Etwa ein Drittel der Mäster sei zudem nur noch Lohnmäster für Futtermittel-Lieferanten und Tierärzte. Der Anteil der Sauen in Beständen mit mehr als 500 Sauen liege in allen ostdeutschen Bundesländern über 80%. Geplant würden von niederländischen Agrarkonzernen bereits Tierfabriken mit jeweils 10.000 Sauen und 100.000 Schweinen. Eine solche Massierung von Agrarfabriken gebe es in ganz Europa nicht, die früher agrarindustriell führenden Niederlande kauften bereits Agrarfabriken aus der Produktion heraus.

Die Geflügelhaltung sei ohnehin seit Jahrzehnten in der Hand großer Konzerne, die die Landwirte allenfalls als billige und abhängige Vertragsmäster ausnutzten. Die AbL bezeichnete es als Skandal, dass in der Bauernverbandspresse der bevorstehende Überschuss-Kollaps der Geflügelmärkte nur am Rande erwähnt werde und dass Landwirte mit immer neuen Jubelmeldungen über angebliche Marktaussichten auf dem Weltmarkt fehlinformiert würden.

Auch das Gerede, eine umweltverträgliche und artgerechte Haltung sei angeblich unabhängig von den Bestandszahlen, bezeichnete AbL-Sprecher Eckehard Niemann als „baren Unsinn“. Sogar das Bundesimmissionsschutzgesetz gehe bei Tierzahlen oberhalb von 1.500 Mastschweinen, 560 Sauen, 15.000 Legehennen und 30.000 Mastgeflügel-Tieren eindeutig von einer potentiellen Umweltgefährdung aus und fordere deshalb besondere Gutachten und Genehmigungsverfahren wie für andere Industriebetriebe. Nur unterhalb dieser Grenzen sei eine Haltung bzw. ein Rückbau auf eine artgerechte Haltung auf Stroh und mit Auslauf überhaupt möglich. Wegen der Ausschöpfung der begrenzten örtlichen  Emissionsgrenzen durch Agrarfabriken könnten landwirtschaftliche Betriebe ihre Viehhaltung nie mehr ausdehnen.

Die AbL kritisierte zudem Behauptungen von Bauernverband und Geflügellobby als abstrus, wonach die Qualhaltung von 22 Masthühnern je Quadratmeter auf eigenem Kot, die sogenannte „Kleingruppenhaltung im ausgestalteten Käfig“ oder die beengte Haltung von Mastschweinen auf Spaltenböden und die damit verbundenen Verstümmelungen von Schnäbeln oder Ringelschwänzen „modern“ und „weltweit besonders tierschutzgerecht“ sei. Besonders abwegig sei es, diese Zustände in der Schweine- und Geflügelbranche zu rechtfertigen mit dem Hinweis auf frühere Haltungsbedingungen, auf reale oder angebliche Mängel im Ökosektor oder auf moderne Boxenlaufställe in der Rinderhaltung. Gerade die noch weitgehend mittelbäuerlich strukturierte Milcherzeugung solle durch die vom Bauernverband mitverantwortete Milch-Überschusspolitik der Molkereien zunehmend in ein ruinöses und perspektivloses Wachstum und in eine Abhängigkeit von der Milchindustrie getrieben werden.

Als „hilflosen Aktivismus“ bezeichnet die AbL auch den Versuch, die Mitglieder in den 100 Bürgerinitiativen des bundesweiten „Netzwerks Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ mit Worthülsen wie „uninformiert“, „ideologisiert“ oder „medial aufgehetzt“ zu disqualifizieren. „Eine solche Verbraucher- und Medienschelte ist hohl“, so Eckehard Niemann, „die angeblich landwirtschaftsfernen Bürgerinitiativen sind zumeist viel besser als die Bauernverbandsfunktionäre über die Zustände in den Agrarfabriken informiert und argumentieren mit Fakten statt mit Phrasen.“ Es spreche für sich, wenn sich viele Vertreter des Bauernverbands und der Geflügellobby vor Podiumsdiskussionen drückten.

Entgegen dem Gerede, man müsse die Verbraucher „mitnehmen“, wollten diese bei dieser agrarindustriellen Entwicklung ja gerade überhaupt nicht „mitgenommen“ werden. Zwar würden viele Verbraucher trotz ihrer ehrlich gemeinten Ablehnung der Agrarindustrie beim Kauf von agrarindustrieller Billigware (mit ihren bunten „Wiesen“- und „Bauernhof“-Bildern darauf) immer noch schwach, aber die anstehenden gesetzlichen Regelungen gegen Agrarfabriken und Qualhaltungen würden zweifellos von einer großen gesellschaftlichen Mehrheit unterstützt werden. Die Berliner Großdemonstration gegen Agrarfabriken habe dies nachdrücklich bekräftigt.

Die AbL sieht es als „große Chance für Landwirte“, einen kritischen und offenen Dialog über die Zukunft der Landwirtschaft mit den Bürgerinitiativen und der Gesellschaft zu suchen und gemeinsame realistische Schritte auf dem Weg zu einer artgerechten Tierhaltung auf bäuerlichen Betrieben mit eigener Futtergrundlage zu suchen: „Ein Bauverbot von Agrarfabriken, eine Abkehr von der ruinösen Überschussproduktion für den Weltmarkt, eine heimische Eiweißfutter-Strategie und ein europaweiter Umbau der Tierhaltung reduziert die preisdrückenden Überschüsse, eröffnet neue Märkte, begründet einen fairen Außenschutz gegenüber dem Weltmarkt  und sichert die gesellschaftliche Akzeptanz der Landwirtschaft.“

(6.080 Zeichen)                                                                                                30.01.2011

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