Pressemitteilung der AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) vom 20.04.2011: AbL-Pressemitteilung zur heutigen Pressekonferenz von Minister Lindemann

Pressemitteilung


AbL-Fragen an Minister Lindemanns „Neuen Tierschutzplan“:
Klare Ziele für eine artgerechte Haltung in bäuerlichen Strukturen –
oder Einknicken vor Agrarindustrie- und Bauernverbands-Lobby?

Nachdem Niedersachsens Agrarminister Lindemann am 14.2.2011 seinen „Neuen Tierschutzplan für Niedersachsen“ angekündigt hatte, wird er heute die versprochene Konkretisierung vorstellen. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die dem Minister seinerzeit – trotz aller Skepsis über die Ernsthaftigkeit dieses Vorhabens – ihre Unterstützung für wirkliche Schritte zu einer artgerechten Tierhaltung anbot, wird die nun vorgelegten Zwischenergebnisse nach folgenden Maßstäben bewerten und ggf. zu verändern suchen:

1. Werden im Sinne einer artgerechten Tierhaltung die Bedürfnisse der verschiedenen Tierarten nach genügend Platz, Auslauf und Ausübung artgerechten Verhaltens deutlich benannt und werden entsprechend deutliche Ziele und konkrete Zahlen für Platzbedarf, Auslauf-Flächen, Strukturen und Tierzahl-Höchstbestände formuliert?

2. Wird der unübersehbare Zusammenhang zwischen dem Platz pro Tier, Auslauf und Tierbestandsgrößen einerseits und Fußballen- und Klauenverletzungen, Rückzugs-möglichkeiten, Beschäftigungsmöglichkeiten, Einstreuqualitäten, Managementeinfluss oder Stallklima-Steuerung andererseits konkret benannt und wird dies dementsprechend auch durch klare Zahlen bei diesen obigen Kennziffern bei allen Tierarten angegangen?

3. Werden hinsichtlich der bisherigen Qualzucht auf schnellwüchsige und einseitige „Hochleistungs“-Rassen wirklich deutliche Maßnahmen ins Auge gefasst, wie z.B. Instrumente zur Mindervergütung überschwerer Masttiere oder zur Kennzeichnung dieser Qualzucht im Rahmen von Tierschutz-Labeln?

4. Wird das weggezüchtete Sättigungsgefühl von Geflügel-Mastrassen nur im Rahmen von qualvollen (weil Hunger erzeugenden) „Fütterungsempfehlungen“ angegangen oder durch rasche Änderung der Zuchtziele?

5. Wird hinsichtlich der Amputation der Schnabelspitzen bei Puten, Legehennen und Elterntieren ein baldiger Zeitpunkt zur Beendigung genannt, und zwar hinsichtlich eines klaren Verbots und nicht nur eines unverbindlichen Appells an die Tierhalter?

6. Werden bei Legehennen lediglich die nicht artgerechten Haltungsverhältnisse im Käfig deutlich benannt und angegangen (ohne Beschönigung als „Kleingruppenhaltung“), oder  auch die in der derzeit praktizierten Bodenhaltung (hohe Besatzdichten ohne Auslauf bzw. Außenklimazonen)?

7. Wird der unhaltbare Zustand, dass bei den einseitig gezüchteten Legehuhn-Rassen die männlichen Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet werden, mit deutlichen Zielvorgaben angegangen? Wird das überfällige Ziel der Züchtung von Zweinutzungsrassen für Eier- und Fleisch-Erzeugung , bei denen die weiblichen Tiere Eier legen und die männlichen Tiere angemessen Fleisch ansetzen, benannt und angegangen? Wird deutlich gesagt, dass der Verweis auf die Geschlechts-Bestimmung im bebrüteten Ei derzeit keinerlei Aussicht auf Erfolg bietet und deshalb lediglich ein Alibi-Ziel ist?

8. Wird bei Zucht und Haltung der Milchkühe auf das Zuchtziel der Gesamtlebensleistung und –vitalität abgehoben? Wird die Umstellung der Ganzjahres-Stallhaltung auf Weidegang als Ziel benannt? Oder wird lediglich der Laufhof als Maßnahme thematisiert?
9. Werden Ziele für das betäubungslose Enthornen angegeben?

10. Wird die Qualhaltung in der industriellen Kälber-Mast angegangen?

11. Wird in der Bullenhaltung ein Umbauprogramm für die Haltung auf Stroh angekündigt?

12. Bleibt Minister Lindemann bei seiner klaren Ankündigung vom Februar, wonach im Jahre 2015 das Kupieren der Schweineschwänze endgültig beendet und verboten sein soll? Setzt er diese EU-Vorgabe um – oder knickt er an diesem Punkt vor der Agrarindustrie- und Bauernverbands-Lobby ein, weil eine Schweinehaltung ohne Kupieren nur bei mehr Platz, Stroheinstreu und Teilauslauf in bäuerlichen Dimensionen möglich ist? Kündigt er ein entsprechendes Umbauprogramm in der Mastschweinehaltung an? Setzt er die EU-Vorgabe um, wonach Schweine Zugang zu Stroh haben sollen?

13. Legt Minister Lindemann verbindliche Pläne vor, die ein Fixieren der Sauen weiter begrenzen?

14. Tritt Minister Lindemann für verringerte Zeiten bei Tiertransporten ein?

15. Tritt Minister Lindemann – nach dem Vorbild Hollands – für ein Programm zur Halbierung des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung ein?

16. Gibt es bei den von Minister Lindemann vorgestellten Maßnahmen deutliche Ziele hinsichtlich verbindlicher Vorgaben (Gesetze, Verordnungen) oder bleibt es bei relativ unverbindlichen Empfehlungen, Managementanweisungen, Leitlinien, Beratungen, Hinweisen, Konzepten, Pilotprojekten, Vereinbarungen, Indikatoren und allgemeinen „Maßnahmen“?

17. Stellt Minister Lindemann deutlich heraus, dass ein Verbot von Ställen in agrarindustrieller Größenordnung (Grenzen des Bundesimmissionsschutzgesetzes) den Tieren, der Umwelt und dem Erhalt mittelständischer bäuerlicher Strukturen nützt – ebenso wie deutliche Vorgaben und Umbauprogramme für eine artgerechte Haltung (mit Flächenbindung, eigener Futtergrundlage und Strohhaltung) durch ihre immanente Mengenreduzierung die ruinöse Überschussproduktion beeenden würden?

18. Macht Minister Lindemann deutlich, dass die Verankerung solcher Maßnahmen in der neuen EU-Agrarreform die Chance biete, diese Ziele auch EU-weit ohne Konkurrenznachteile der deutschen Landwirtschaft durchzusetzen?

Die AbL, so ihr Agrarindustrie-Experte Eckehard Niemann, erkenne durchaus an einigen Punkten ein Bemühen Lindemanns, Verbesserungen durchzusetzen. Dabei habe er die Unterstützung der AbL und sicherlich auch der großen Mehrheit der Landwirte, der Bürgerinitiativen, der Verbraucher und der Wähler. Die AbL rief Minister Lindemann und Ministerpräsident McAllister dazu auf, sich nicht von der Lobby der Agrarindustrie und der Bauernverbands-Spitze vorführen zu lassen und nicht vor ihr einzuknicken.

5.990 Zeichen                                                                                     20.04.2011

 

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