Presseartikel 22.03.2012

Wunstorfer Stadtanzeiger 22.03.2012/Deister Aktuell 21.03.2012:

WSA 22.03.2012 - Foto - Bürgerinitiative Munzel kündigt Bildung eines Landesnetzwerkes an

Bürgerinitiative Munzel kündigt Bildung eines Landesnetzwerkes an

Tiermediziner Hermann Focke referiert über Keime und die Massentierhaltung im Allgemeinen

 

KO­LEN­FELD (tau). Der Grün­der und Vor­sit­zende der Bür­ger­in­itia­tive Mun­zel (BIM), Mi­chael Hett­wer, hat im Rah­men der Mit­glie­der­ver­samm­lung im Deut­schen Haus in Ko­len­feld die Bil­dung ei­nes lan­des­wei­ten Netz­werks an­gekün­digt. Etwa 16 Bür­ger­in­itia­ti­ven und Ver­bände wol­len sich Mitte Mai zu­sam­mensch­ließen. Wei­tere 150 sind ein­ge­la­den, sich daran zu be­tei­li­gen. Un­ter dem Motto „­Bau­ern­höfe statt Agrar­be­trie­be“ will das Netz­werk sei­nen Pro­test ge­gen die Ex­pan­sion der in­dus­tri­el­len Mas­sen­tier­hal­tung ver­stärkt zum Aus­druck brin­gen und vor al­lem die Öf­fent­lich­keit für das Pro­blem sen­si­bi­li­sie­ren.

„Wir sind auf­ge­for­dert, das Be­wusst­sein der Ver­brau­cher zu ver­än­dern und die Po­li­tik zum Han­deln zu be­we­gen“, sagt Hett­wer, der sich mehr Auf­klärungs­ar­beit durch die Me­dien wünscht. Viele Men­schen wüss­ten nicht, wel­che Zu­stände in den Mast­be­trie­ben und bei der Fleisch­pro­duk­tion vor­herr­schen. Da­bei müsse je­dem klar sein, dass Tie­re, de­ren Fleisch zu im­mer bil­li­ge­ren Prei­sen an­ge­bo­ten wer­de, gar nicht art­ge­recht ge­hal­ten wer­den könn­ten. In die­sem Zu­sam­men­hang wür­den Pro­du­zen­ten und die Po­li­tik viel ver­ba­len Auf­wand zum Bei­spiel beim Tier­schutz be­trei­ben, um die Öf­fent­lich­keit zu be­ru­hi­gen. In Wirk­lich­keit werde aber der mo­ra­li­sche An­spruch des Tier­schutz­ge­set­zes durch den Ge­set­zes­text und for­mu­lierte Aus­nah­men selbst ni­vel­liert. Die An­la­gen wür­den im­mer größer und zahl­rei­cher in Nie­der­sach­sen. Dazu steigt der Ver­brauch an Fleisch im­mer mehr. Der Preis­kampf an den Su­per­markt­kas­sen wirke sich zu­dem auf die Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen aus. Der Tier­schutz falle so­mit auch un­ter das Dik­tat der Wirt­schaft­lich­keit und ver­trage sich nicht mit den Ge­schäfts­in­ter­es­sen ei­ner in­ten­si­ven Tier­hal­tung. Kri­tisch se­hen die Ak­ti­vis­ten vor al­lem, dass mit ei­ner per­ma­nen­ten Aus­wei­tung von Ma­st­an­la­gen und Schlacht­be­trie­ben auch die Menge an Müll un­wei­ger­lich zu­neh­me. So habe die Gül­le­pro­duk­tion neue Re­kord­stände er­reicht. Die Aus­brin­gung auf den an­gren­zen­den Fel­dern werde ge­rade von 15 Kon­trol­leu­ren in ganz Nie­der­sach­sen ü­ber­wacht, er­klärt Hett­wer, der da­durch eine Zu­nahme der Be­las­tung des Grund­was­sers mit Ni­tra­ten be­fürch­tet. „­Die In­dus­trie be­zeich­net die Gül­le­aus­fuhr als Bei­trag zur bio­lo­gi­schen Dün­gung der Äcker“, fügte Tier­me­di­zi­ner Dr. Her­mann Fo­cke in sei­nem Vor­trag an, „­Man kann es aber auch schlicht Ab­fall­be­sei­ti­gung nen­nen“, ist er ü­ber­zeugt. Fo­cke be­zeich­net die in­ten­sive Hal­tung als Qual für die Tie­re. Zum Bei­spiel müss­ten Hüh­nern die Schnä­bel gekürzt wer­den, weil die Tiere in so großen Grup­pen un­ter Stress stün­den und sich ge­gen­sei­tig ver­let­zen. Wenn nun die Po­li­tik er­kläre, dass das schmerz­hafte Ku­pie­ren (Am­pu­ta­tion) bis zum Jahr 2018 ein­ge­dämmt wer­den sol­le, müsste sie kon­se­quen­ter­weise auch dafür sor­gen, das Ge­flü­gel in klei­ne­ren Grup­pen zu hal­ten, in de­nen sich natür­li­che und für die Tiere ü­ber­schau­bare Hier­ar­chien ent­wi­ckeln könn­ten, so der Tier­me­di­zi­ner. Das laufe aber den In­ter­es­sen der Fleisch­pro­du­zen­ten zu­wi­der, wes­halb Fo­cke die Ankün­di­gung der Po­li­tik auch als we­nig glaub­wür­dig er­ach­te. Gleich­zei­tig be­tonte der Ex­per­te, dass die Mäs­ter nicht frei in ih­rer Ent­schei­dung sei­en. Aus wirt­schaft­li­chen Grün­den seien sie als Lohn­mäs­ter oder Ver­trags­land­wirte ge­zwun­gen ih­ren Be­trieb in dem Pro­duk­ti­ons­stan­dard ent­spre­chend an­zu­pas­sen. Ein großes Pro­blem sei zu­dem der Ein­satz von An­ti­bio­tika in der Mas­sen­tier­hal­tung. Als Stoff­wech­sel­pro­dukte wür­den diese Sub­stan­zen in je­dem Fall aus­ge­schie­den und ge­lan­gen ü­ber die Gül­le­aus­brin­gung in die Um­welt und schließ­lich ins Grund- und Trink­was­ser. „­Sonst sind Un­ter­neh­men im­mer sehr auf Spar­sam­keit be­dacht, beim Ein­satz von An­ti­bio­tika gilt das of­fen­kun­dig nicht“, so der Tier­me­di­zi­ner. Be­son­ders schlimm sei da­bei die Aus­bil­dung von mul­ti­re­sis­ten­ten Kei­men (MR­SA), die be­reits den Weg in Kran­ken­häu­ser und zum Man­schen ge­fun­den hät­ten. Die Pro­phy­laxe werde eben­falls aus ö­ko­no­mi­schen Grün­den be­trie­ben, da sich da­durch bes­sere Mas­t­er­geb­nisse in kür­ze­rer Zeit er­zie­len las­sen. Kurz vor der Schlachtreife würde die Gabe von An­ti­bio­tika dann ge­stoppt, um bei Fleisch­pro­ben durch of­fi­zi­elle Stel­len auf der si­che­ren Seite zu sein. Denn würde im Fleisch eine Be­las­tung mit An­ti­bio­tika nach­ge­wie­sen, dro­hen emp­find­li­che Geld­bußen. Die Zu­sam­men­set­zung der Gülle werde da­ge­gen nicht näher un­ter­sucht. Tier­me­di­zi­ner Her­mann Focke, der selbst seit 20 Jah­ren kein Ge­flü­gel­fleisch mehr isst, brachte sei­nen Vor­trag am Ende auf den Satz: „Es gibt kei­nen Er­kennt­nis­man­gel, son­dern ein Hand­lungs­de­fi­zit.“ Fo­to: tau

vom 22.03.2012 | Ausgabe-Nr. 12A

HAZ DA 22.03.2012 UMWELTPRÜFUNG FÜR MASTSTÄLLE