Presseartikel 25.11.2010

Wunstorfer Stadtanzeiger vom 25.11.2010:

BI Munzel wird eingetragener Verein

Sprecher Hettwer wird 1. Vorsitzender / Weitere Aktionen geplant

KO­LEN­FELD/­GROSS MUN­ZEL (m­k). In ei­ner Grün­dungs­ver­samm­lung hat die BIM (Bür­ger­In­itia­tive Mun­zel) die Neu­grün­dung und Um­wand­lung in einen ein­ge­tra­ge­nen Ver­ein ein­stim­mig be­schlos­sen. Während der Zu­sam­men­kunft wurde die vom bis­he­ri­gen BIM-Spre­cher Mi­chael Hett­wer in Zu­sam­men­ar­beit mit ei­nem No­tar er­ar­bei­tete Sat­zung mit ei­ni­gen Än­de­run­gen eben­falls ein­stim­mig be­schlos­sen. Die BIM soll nun­mehr in das Ver­eins­re­gis­ter beim Amts­ge­richt in Han­no­ver ein­ge­tra­gen wer­den. Grund für die vom al­ten BIM-Vor­stand be­schlos­sene Um­wand­lung wa­ren reine Aspekte der Haf­tung der Mit­glie­der ge­genü­ber Drit­ten, er­klärte Hett­wer den an­we­sen­den Mit­glie­dern, die zu­vor schrift­lich zur Grün­dungs­ver­samm­lung un­ter Beifü­gung der vor­ge­schla­ge­nen Sat­zung ein­ge­la­den wa­ren. Auf Ba­sis der zu­vor ver­ab­schie­de­ten Sat­zung wurde gleich ein Vor­stand ge­wählt. Da­bei wur­den ein­mütig Mi­chael Hett­wer als Vor­sit­zen­der, Bri­gitte Karpa als 1. Stell­ver­tre­tende Vor­sit­zen­de, Ul­rike Kien­ast-Lie­bich als 2. Stell­ver­tre­tende Vor­sit­zen­de, Ute Ama­ning als Schrift­füh­re­rin, Ka­rin Hett­wer als Kas­sie­re­rin ge­wählt. Als Bei­sit­zer wur­den Rolf Baum­gar­ten, Mar­tina Bro­da, Eske Kor­nacker und Hen­drik Scha­per ein­stim­mig ge­wählt. Zum Kas­sen­prü­fer wurde Her­bert Lind­ner be­stimmt. Der neue Vor­sit­zende hatte vor­her in ei­nem kur­zen Rück­blick an die Mei­len­steine er­in­nert, die bis­her von der BIM in den acht Wo­chen seit Grün­dung er­reicht wor­den sind. Un­ter an­de­rem die Er­ar­bei­tung ei­nes Flyers, ei­ner äußerst er­folg­rei­chen Un­ter­schrif­ten­ak­tion die in Kürze die Zahl 2.000 er­reicht und der Auf­bau der In­ter­netseite ww­w.­bu­er­ger-mas­sen.­de. „­Die BIM wird zu­sam­men mit den an­de­ren Bür­ger­in­itia­ti­ven und Or­ga­ni­sa­tio­nen nicht ru­hen, ehe nicht min­des­tens der Stan­dard der Ge­neh­mi­gungs­pra­xis wie im Land­kreis Ems­land auch in der Re­gion Han­no­ver um­ge­setzt ist“, macht Hett­wer deut­lich.“

vom 25.11.2010

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Massentierhaltung – der große Stimmungsumschwung

25. November 2010, 11:41 Uhr

Der Freitagmorgen ist kalt und diesig. Am Fenster der Regionalbahn ziehen Landgasthöfe mit rauchenden Schornsteinen und Reitplätze mit bunten Hindernissen vorbei, hin und wieder auch eine alte Molkerei aus Fachwerk und rotem Backstein. Die Orte an der Bahnstrecke heißen Westbevern, Kattenvenne, Lengerich. Auf den Anzeigentafeln in den Bahnhöfen erscheinen nahe Fahrtziele wie Vechta, Cloppenburg, Visbek. Man braucht nicht zu recherchieren, um zu wissen, wofür diese Gegenden stehen. „Schweinehochburgen“ nennt man sie. Die ebenfalls dort ansässigen Betreiber gewaltiger Geflügelmastanlagen und riesiger Legebatterien heißen „Hühnerbarone“. In der Vergangenheit klang das oft respektvoll: Die Viehhaltung hat diese Landstriche im Nordwesten Deutschlands reich gemacht. Erst vor zwei Wochen stand über den Landkreis Vechta in der Zeitung, er sei der Kreis mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in Norddeutschland. 135.000 Menschen leben im Landkreis Vechta, aber 10 Millionen Hühner und 1,4 Millionen Schweine.

Im Abteil sitzen zwei Milchbauern aus dem Münsterland, große Männer mit einer hellen, empfindlichen Haut, die leicht gerötet ist von der ständigen Arbeit im Freien und in ungeheizten Rinderställen. Ihre Reise wird enden, noch bevor Cloppenburg, die schweinedichteste Gegend in Deutschland, oder das hühnerreiche Emsland erreicht sind. Sie wollen nach Hannover zur Eurotier, der weltgrößten Fachausstellung für landwirtschaftliche Tierhaltung, die schon seit drei Tagen läuft. Die beiden sehen nicht aus dem Fenster, sondern haben sich in die Dezemberausgabe der „Top Agrar“ vertieft. Deutschlands auflagenstärkste Bauernzeitung bietet einen Sonderteil zur Messe und außerdem die neuesten Trends rund um den Berufsstand. Im Leitartikel schreibt Chefredakteur Ludger Schulze Pals, dass die Veredlung, also die Mast von Tieren, einen regelrechten Boom erlebe und beste Zukunftsperspektiven habe. Doch leider gebe es auch Schwierigkeiten. Die Größe neuer Ställe – etwa für 4000 Mastschweine oder für 160.000 Hähnchen – mache der Bevölkerung zunehmend Angst. „Schnell rollt eine Protestwelle an, wenn ein neuer Stall gebaut werden soll. Immer geht es um den angeblichen Gestank, die vermeintlichen Gesundheits- und Umweltrisiken oder einfach ganz grundsätzlich gegen die böse ‚Massentierhaltung'“.

Zwei Stunden später und drei Messehallen weiter sagt ein Branchenbeobachter: „Die Stimmung der Massentierhaltung gegenüber ist völlig umgeschlagen. Die deutschen Bauern bekommen jetzt richtig Angst. Große Gruppen der Bevölkerung scheinen sich entschieden zu haben, das, was sie als Massentierhaltung ansehen, nicht mehr zu akzeptieren.“ Er spricht das Wort „Massentierhaltung“ mit Gänsefüßchen aus, so, wie es alle hier tun. Offiziell existiert die Bezeichnung in der deutschen Agrarbranche nicht. Man spricht von „intensiver Tierhaltung“ oder „Intensivtierhaltung“. Oder man benutzt keinen der Ausdrücke – warum etwas benennen, wenn es nichts anderes daneben gibt? Zur Unterscheidung? Von was? Hier auf der Eurotier gibt es nur eine Welt: Es geht in jeder Halle um die Automatisierung der Landwirtschaft. Elektrisch angetriebene Mistschieber, die unablässig Fladen aus den Kuhställen befördern, computergesteuerte Sortierschleusen, die das Gewicht des durchlaufenden Schweins ermitteln und es dann in den passenden Fressbereich mit mehr oder weniger Futter lotsen, Ultraschallboxen, die selbstständig feststellen, ob die hineingehüpfte Sau trächtig ist oder nicht. Ein Landwirt, der sich auf der Eurotier informiert, hat längst abgeschlossen mit dem Gegenentwurf zur Massentierhaltung: dem immer wieder beschworenen kleinbäuerlichen Hof. Für fünf Kühe und drei Schweine braucht man keine Roboter und keine Datenanalyse. Vermutlich zählen die Besucher der Eurotier die Besitzer von fünf Kühen nicht einmal zur selben Berufsgruppe wie sich selbst.

Für einen größer werdenden Kreis von Anti-Massentierhaltungs-Aktivisten ist der Unterschied zwischen „Bauernhof“ und „Agrarfabrik“ aber realer und entscheidender als je zuvor. Anfang November erst gründete sich im Emsland das „Aktionsbündnis Bauernhöfe statt Agrarfabriken Nord-West“. Beigetreten sind einzelne Personen, aber auch ganze Bürger- und Anwohnerinitiativen, regionale Gruppen von Naturschützern und norddeutsche Filialen größerer Verbände wie Attac oder dem Naturschutzbund Nabu. „Bürgerinitiative Hestrup gegen Mastställe“ oder „Bürgerinitiative gegen Hähnchenmast im Rheiderland“ heißen die in dem Aktionsbündnis vereinigten Zusammenschlüsse, die sich jetzt gemeinsam gegen Agrarfabriken und für Bauernhöfe positionieren wollen. Wo auch immer im Norden große Mastanlagen oder Schlachthöfe geplant sind, wollen sie Gutachten zu Brandschutz und Bodenbelastung in Auftrag geben und die Politik zu neuen rechtlichen Rahmenbedingungen bewegen. Zwar scheint ein beträchtlicher Teil der Mitglieder angesichts der Baupläne für Mastanlagen schlicht besorgt um den Wert des benachbarten eigenen Grundstücks zu sein, aber auch Tierschützer finden sich in den Reihen des Bündnisses. Sie traten schon während der Gründungsversammlung für einen vegetarischen Lebensstil ein. Man sieht sich außerdem auf der Seite „mittelständischer Landwirte“, deren Interessen man helfen will zu wahren.

Die „Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands“ bringt auf ihrer Website einen Hinweis auf die Gründung des Bündnisses und kommentiert anklagend-sarkastisch: „Eine nähere Definition, von mittelständischer Landwirtschaft erfolgte leider nicht. Die Frage bleibt auch: Wird man aus dem elitären Club ausgeschlossen, sobald man sich dem Stillstand verweigert und doch einen Stall baut?“ Die Bauern unterscheiden nicht Bauernhöfe und Agrarfabriken, sondern Stillstand und Fortschritt. Wer sich dem „Fortschritt“ verweigert, der wird Opfer des „Höfesterbens“. Es ist eine Lektion, die sie über Jahrzehnte gelernt haben, die Väter ihren Söhnen eingebläut haben (und manchmal auch Söhne ihren Vätern). Sie haben gelernt, dass Vergrößerung und Professionaliserung Zukunft bedeuten. Und jetzt soll das alles falsch gewesen sein?

Am Tag nach dem Ende der Eurotier wird das Ergebnis einer Messeumfrage veröffentlicht. 60 Prozent der Besucher haben gesagt, dass sie investieren wollen. Sie wollen vergrößern, automatisieren, professionalisieren. 140.000 Besucher hatte die Messe in diesem Jahr. 60 Prozent davon, das sind 84.000. Es gibt eine andere Zahl, die in diesem Zusammenhang interessant ist: 180.000. So viele Exemplare des Buches „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer wurden seit August in Deutschland verkauft. Der amerkanische Autor schreibt:“Wir führen einen Krieg gegen alle Tiere, die wir essen, oder genauer gesagt, wir lassen einen Krieg gegen sie führen. Dieser Krieg ist neu und hat einen Namen: ‚Massentierhaltung'“.

Als es im August erschien, löste Safran Foers Buch eine beispiellose Debatte über Vegetarismus und Tierrechte im deutschen Feuilleton aus. Die Rezensenten schrieben von einer „Idee, deren Zeit gekommen ist“ und prognostizierten: „Wenn ein Buch die Kraft hat, die Welt zum Fleischverzicht zu bekehren, dann ist es ‚Tiere essen‘.“ Safran Foer hat für sein Buch die Lebensbeichten von Farmern protokolliert und mit großen Fleischerzeugern korrespondiert, er hat seine Kindheitserfahrungen mit Lebensmitteln geschildert und beschrieben, wie Hühner auf Schlachthöfen verstümmelt werden, bevor sie sterben. Auch Safran Foer unterscheidet zwischen Bauernhöfen und Agrarfabriken. In einem Kapitel schildert er, wie er mit einer Tierschutzaktivistin nachts in eine Putenfarm einsteigt. Das erste was er sieht, ist „ein riesiger Kornspeicher, der eher aussieht wie etwas aus Blade Runner als aus Unsere kleine Farm. (…) Jeder hat ja ein Bild von einem Bauernhof im Kopf, bei den meisten gehören Felder, Scheunen, Traktoren und Tiere dazu oder zumindest eines dieser Dinge. Ich bezweifle, dass irgendjemand auf der Welt, der nicht mit Viehzucht zu tun hat, das Bild vor Augen hat, das ich jetzt sehe. Aber vor mir liegt die Art Farm, die 99 Prozent des in den USA konsumierten Fleischs produziert.“

Safran Foers „Tiere essen“ ist das Buch zu einer neuen Protestbewegung. Die Bewegung besteht aus Menschen, die sich die viehhaltende Landwirtschaft ganz anders vorgestellt haben, als sie ist. Dann kam die viehhaltende Landwirtschaft ihnen nahe, etwa in Form eines Stalls für ein paar tausend Schweine draußen vor der Siedlung. Jetzt stehen diese Menschen vor dem Landwirtschaftsministerium in Hannover und halten Transparente hoch, auf denen steht: „Dieses Ministerium fördert Massentierhaltung“.

In der Novemberausgabe des „Deutschen Tierärzteblattes“ schreibt Thomas Blaha, Professor für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, es gebe keine Definition für Massentierhaltung. Die fehlende Begriffsdefinition schaffe ein Vakuum, in dem „Bücher wie ‚Tiere essen‘ nahezu ungebremste Wirkung entfalten können.“ Die Angaben im Anhang von Safran Foers Buch  („Rund 98 Prozent der in Deutschland gehaltenen Tiere stammen aus Massentierhaltungsbetrieben“) beruhten auf der willkürlichen Festlegung einer Tierzahl, ab der ein Hof eine „Massentierhaltung“ sei. Blaha ist einer der großen Erklärer des landwirtschaftlichen Strukturwandels in Deutschland. Er betont, dass es Tierleid in deutschen Ställen gebe und er es nicht ausblenden wolle. Doch habe die Betriebsgröße damit nichts zu tun. Tierleid in landwirtschaftlichen Betrieben entstehe, wenn man die Tiere den Technologien anpasse statt die Technologien den Tieren. Die Tiere den Technologien anpassen, das heißt für Blaha: Schnäbel zu kürzen, damit Vögel sich nicht gegenseitig hacken, und Hörner abzusägen, damit Kühe sich nicht gegenseitig aufspießen können. Die Technologien den Tieren anzupassen, hieße in beiden Fällen mehr Platz, Ställe, die so gestaltet sind, dass die Tiere sich aus dem Weg gehen können.

Doch in dem öffentlichen Diskurs, der sich entwickelt hat, geht es nicht um eine Verbesserung von Technologien, um mehr Platz pro Huhn oder Auslauf für Mastschweine. Die neu entstandene Protestbewegung will das gesamte System nicht mehr. Es mag sein, dass Safran Foer eine genaue Definition von „Massentierhaltung“ schuldig bleibt, dass er nicht differenziert genug urteilt oder mit der Voreingenommenheit und Unerfahrenheit des Städters. Doch sein Buch hat für viele Menschen eine Ahnung bestätigt: Safran Foer berichtet von der totalen Unterwerfung der Tiere. Er beschreibt, wie Schlachthof-Arbeiter lebende Hühner, deren Fleisch in den Schnellrestaurants der Kette „KFC“ landet, schwer misshandeln: ihnen Farbe ins Gesicht sprühen, ihnen den Kopf abreißen, auf ihnen herumtrampeln. Er schildert, wie Masthühner, die am Tag gerade vier Stunden Dunkelheit in ihren überfüllten Ställen haben, in den 42 Tagen ihres Lebens vor Qual verrückt werden. Er lässt einen Geflügelzüchter sagen: „Was die Industrie kapiert hat – und das war die eigentliche Revolution -, war, dass man keine gesunden Tiere braucht, um Profit zu machen. Kranke Tiere sind profitabler.“

Das, was Safran Foer schildert, ist geeignet, ein ganzes System in Verruf zu bringen und den Konsumenten die Lust zu nehmen, sich in irgendeiner Weise weiter daran zu beteiligen. Selbst die Begriffe „Bio“, „Freiland“ oder „kontrolliert“ haben vor diesem Hintergrund an Strahlkraft eingebüßt. Die Verbraucher wollen nun neue Wörter mit neuen Bedeutungen. Es ist zweifelhaft, dass „Technologie“ ein Begriff ist, der hier noch etwas ausrichten kann. Wie es derzeit aussieht, müssten die neuen Begriffe viel eher lauten: „kleinbäuerlich“, „Familienbetrieb“, „langsam wachsend“, „mit der Hand“. Oder eben „Bauernhof“. Statt „Agrarfabrik“. Dahinter steht die Sehnsucht nach einem totalen Gegen-, ja Neuentwurf: nach kleinen Höfen und Landwirten, die jedes Tier beim Namen nennen. Egal, wie realistisch, wie umsetzbar das alles ist: Ein neues gesellschaftliches Klima ist entstanden, in dem neue Forderungen gestellt werden.

In der aktuellen „Agrarzeitung“ spricht Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, von „emotional sehr aufgeladenen Tierschutzdiskussionen“. Die Gesellschaft erwarte, dass man Nutztiere so halte wie vor 50 Jahren. Drei Tage nach dem Ende der „Eurotier“, am Dienstag, wird in Berlin die Tagung „Öffentlichkeitsarbeit 2020 der deutschen Landwirtschaft“ beginnen. Dort wird ein Sprecher des Bauernverbandes sagen, es sei derzeit äußerst schwierig, der Bevölkerung Modernisierungen in der Landwirtschaft nahe zu bringen. Den Verbrauchern, wird er ein Beispiel nennen, sei nicht vermittelbar, dass Tiere nicht mehr auf Stroh gehalten würden.

In Hannover treffen sich wenige Meter von der „Eurotier“ entfernt die deutschen Tierärzte zu ihrem traditionellen Herbstkongress. Im Convention Center finden sich 2500 Frauen und Männer ein, deren Berufsstand seit seinem Bestehen eng mit der Landwirtschaft zusammenarbeitet. Sie haben kein Gelöbnis unterschrieben wie die Humanmediziner, aber sie unterliegen einer Berufsordnung, in der sie als „berufene Schützer der Tiere“ bezeichnet werden. „Gibt es eine Leistungsgrenze der Milchkühe?“ und „Aktuelle Tierschutzprobleme beim Schwein“ heißen die Vorträge auf dem Tierärztekongress. Vielleicht gibt es hier etwas Einordnendes zu hören, etwas, das zwischen den Welten vermittelt.

Am Freitagabend kommen die Tierärzte zu einer berufspolitischen Kundgebung in Saal 3 zusammen. Unter anderem sprechen Gesundheitsminister Rösler und Hans-Michael Goldmann (FDP), Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Bundestag. Goldmann, Sohn eines Veterinärrats aus dem Emsland und selbst Tierarzt, kommt gleich zum Punkt: „Wir stehen vor dramatischen Herausforderungen“, sagt er. Diese ergäben sich aus der tiefen Kluft zwischen Befürwortern unterschiedlicher Produktionsstile in der Landwirtschaft: „Eine intensive, ja hochintensive Landwirtschaft auf der einen, eine ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft auf der anderen Seite.“ Die Befürworter von letzterer seien zwar oft naiv in ihrer Einschätzung, aber: „Wir wissen um die Probleme, die die hochintensive Landwirtschaft mitbringt“, sagt Goldmann. Er steht unter dem Eindruck eines soeben hochgekochten Mastskandals, der das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium seit Ende Oktober beschäftigt. Das NDR-Fernsehen hatte enthüllt, dass Mastgeflügel in Niedersachsen heute häufiger mit Antibiotika behandelt wird als noch vor zehn Jahren; die Tiere seien so krank, dass sie ohne die Medikation ihre nur fünf Wochen dauernde Mast gar nicht überstehen würden. Zwei Tage nach Ende der Eurotier wird das Ministerium sich gezwungen sehen, öffentlich einzuräumen, dass es schwere Tierschutzmängel in der Geflügelhaltung gebe.

Später, am Buffet in Hannover, stehen einige junge Leute bei Krustenbraten und Carpaccio zusammen, es sind Tierärzte, die sich auf Rinder und Schweine spezialisiert haben. Tagein, tagaus arbeiten sie mit Landwirten zusammen und mit deren Tieren. Sie glauben nicht, dass sich etwas verändern wird. Einer schlägt auf die Gesäßtasche seiner Jeans, dorthin, wo das Portemonnaie versenkt ist. „Damit“, sagt er, „entscheidet der deutsche Verbraucher. Mit dem Portemonnaie.“

Doch so einfach ist es nicht mehr. Vor wenigen Wochen erschien ein Gutachten der Uni Göttingen, das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegeben worden war. Die Göttinger Wissenschaftler hatten ausloten sollen, welche Barrieren und welche Chancen in Deutschland für ein Tierschutzsiegel auf Lebensmitteln bestehen. Herausgekommen ist ein deutliches Plädoyer für das Tierschutzsiegel. Die Nachfrage nach tiergerecht erzeugten Produkten sei bisher unterschätzt worden. Man müsse sogar befürchten, dass Lebensmittel ohne Siegel sich nicht mehr verkaufen lassen, sobald das Siegel einmal eingeführt ist. Das Siegel soll gewährleisten, dass die Tiere zu Lebzeiten ihr natürliches Verhalten ausüben können und sich wohl fühlen.

Der Verbraucher ist eine mächtige Figur. „Umwelt- und Tierschutz: Diskussionen ernst nehmen“, heißt ein Artikel in der Dezemberausgabe der „Top Agrar“. Auf einer Seite erhalten Landwirte einen Crashkurs über den Stimmungswandel in der Bevölkerung. Der Tierschutz werde zu einer zentralen Forderung der Gesellschaft, heißt es hier. „Der Lebensmitteleinzelhandel wird die Diskussion um die Tiergerechtheit nutzen, um beim Verbraucher zu punkten. Die Diskussionen um die Betreuungszeit je Tier, um das Kupieren der Ferkelschwänze oder den Flächenanspruch pro Tier werden uns in den nächsten Jahren intensiv begleiten.“ Es sind behutsame Worte, die die Redakteure finden, einfache Formeln für einen Berufsstand, der Jahrzehnte lang andere Regeln gelernt hat.

Veröffentlicht 25. November 2010, 11:41 von Christina Hucklenbroich

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Massentierhaltung – der große Stimmungsumschwung

25. November 2010, 11:41 Uhr

Der Freitagmorgen ist kalt und diesig. Am Fenster der Regionalbahn ziehen Landgasthöfe mit rauchenden Schornsteinen und Reitplätze mit bunten Hindernissen vorbei, hin und wieder auch eine alte Molkerei aus Fachwerk und rotem Backstein. Die Orte an der Bahnstrecke heißen Westbevern, Kattenvenne, Lengerich. Auf den Anzeigentafeln in den Bahnhöfen erscheinen nahe Fahrtziele wie Vechta, Cloppenburg, Visbek. Man braucht nicht zu recherchieren, um zu wissen, wofür diese Gegenden stehen. „Schweinehochburgen“ nennt man sie. Die ebenfalls dort ansässigen Betreiber gewaltiger Geflügelmastanlagen und riesiger Legebatterien heißen „Hühnerbarone“. In der Vergangenheit klang das oft respektvoll: Die Viehhaltung hat diese Landstriche im Nordwesten Deutschlands reich gemacht. Erst vor zwei Wochen stand über den Landkreis Vechta in der Zeitung, er sei der Kreis mit der niedrigsten Arbeitslosenquote in Norddeutschland. 135.000 Menschen leben im Landkreis Vechta, aber 10 Millionen Hühner und 1,4 Millionen Schweine.

Im Abteil sitzen zwei Milchbauern aus dem Münsterland, große Männer mit einer hellen, empfindlichen Haut, die leicht gerötet ist von der ständigen Arbeit im Freien und in ungeheizten Rinderställen. Ihre Reise wird enden, noch bevor Cloppenburg, die schweinedichteste Gegend in Deutschland, oder das hühnerreiche Emsland erreicht sind. Sie wollen nach Hannover zur Eurotier, der weltgrößten Fachausstellung für landwirtschaftliche Tierhaltung, die schon seit drei Tagen läuft. Die beiden sehen nicht aus dem Fenster, sondern haben sich in die Dezemberausgabe der „Top Agrar“ vertieft. Deutschlands auflagenstärkste Bauernzeitung bietet einen Sonderteil zur Messe und außerdem die neuesten Trends rund um den Berufsstand. Im Leitartikel schreibt Chefredakteur Ludger Schulze Pals, dass die Veredlung, also die Mast von Tieren, einen regelrechten Boom erlebe und beste Zukunftsperspektiven habe. Doch leider gebe es auch Schwierigkeiten. Die Größe neuer Ställe – etwa für 4000 Mastschweine oder für 160.000 Hähnchen – mache der Bevölkerung zunehmend Angst. „Schnell rollt eine Protestwelle an, wenn ein neuer Stall gebaut werden soll. Immer geht es um den angeblichen Gestank, die vermeintlichen Gesundheits- und Umweltrisiken oder einfach ganz grundsätzlich gegen die böse ‚Massentierhaltung'“.

Zwei Stunden später und drei Messehallen weiter sagt ein Branchenbeobachter: „Die Stimmung der Massentierhaltung gegenüber ist völlig umgeschlagen. Die deutschen Bauern bekommen jetzt richtig Angst. Große Gruppen der Bevölkerung scheinen sich entschieden zu haben, das, was sie als Massentierhaltung ansehen, nicht mehr zu akzeptieren.“ Er spricht das Wort „Massentierhaltung“ mit Gänsefüßchen aus, so, wie es alle hier tun. Offiziell existiert die Bezeichnung in der deutschen Agrarbranche nicht. Man spricht von „intensiver Tierhaltung“ oder „Intensivtierhaltung“. Oder man benutzt keinen der Ausdrücke – warum etwas benennen, wenn es nichts anderes daneben gibt? Zur Unterscheidung? Von was? Hier auf der Eurotier gibt es nur eine Welt: Es geht in jeder Halle um die Automatisierung der Landwirtschaft. Elektrisch angetriebene Mistschieber, die unablässig Fladen aus den Kuhställen befördern, computergesteuerte Sortierschleusen, die das Gewicht des durchlaufenden Schweins ermitteln und es dann in den passenden Fressbereich mit mehr oder weniger Futter lotsen, Ultraschallboxen, die selbstständig feststellen, ob die hineingehüpfte Sau trächtig ist oder nicht. Ein Landwirt, der sich auf der Eurotier informiert, hat längst abgeschlossen mit dem Gegenentwurf zur Massentierhaltung: dem immer wieder beschworenen kleinbäuerlichen Hof. Für fünf Kühe und drei Schweine braucht man keine Roboter und keine Datenanalyse. Vermutlich zählen die Besucher der Eurotier die Besitzer von fünf Kühen nicht einmal zur selben Berufsgruppe wie sich selbst.

Für einen größer werdenden Kreis von Anti-Massentierhaltungs-Aktivisten ist der Unterschied zwischen „Bauernhof“ und „Agrarfabrik“ aber realer und entscheidender als je zuvor. Anfang November erst gründete sich im Emsland das „Aktionsbündnis Bauernhöfe statt Agrarfabriken Nord-West“. Beigetreten sind einzelne Personen, aber auch ganze Bürger- und Anwohnerinitiativen, regionale Gruppen von Naturschützern und norddeutsche Filialen größerer Verbände wie Attac oder dem Naturschutzbund Nabu. „Bürgerinitiative Hestrup gegen Mastställe“ oder „Bürgerinitiative gegen Hähnchenmast im Rheiderland“ heißen die in dem Aktionsbündnis vereinigten Zusammenschlüsse, die sich jetzt gemeinsam gegen Agrarfabriken und für Bauernhöfe positionieren wollen. Wo auch immer im Norden große Mastanlagen oder Schlachthöfe geplant sind, wollen sie Gutachten zu Brandschutz und Bodenbelastung in Auftrag geben und die Politik zu neuen rechtlichen Rahmenbedingungen bewegen. Zwar scheint ein beträchtlicher Teil der Mitglieder angesichts der Baupläne für Mastanlagen schlicht besorgt um den Wert des benachbarten eigenen Grundstücks zu sein, aber auch Tierschützer finden sich in den Reihen des Bündnisses. Sie traten schon während der Gründungsversammlung für einen vegetarischen Lebensstil ein. Man sieht sich außerdem auf der Seite „mittelständischer Landwirte“, deren Interessen man helfen will zu wahren.

Die „Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands“ bringt auf ihrer Website einen Hinweis auf die Gründung des Bündnisses und kommentiert anklagend-sarkastisch: „Eine nähere Definition, von mittelständischer Landwirtschaft erfolgte leider nicht. Die Frage bleibt auch: Wird man aus dem elitären Club ausgeschlossen, sobald man sich dem Stillstand verweigert und doch einen Stall baut?“ Die Bauern unterscheiden nicht Bauernhöfe und Agrarfabriken, sondern Stillstand und Fortschritt. Wer sich dem „Fortschritt“ verweigert, der wird Opfer des „Höfesterbens“. Es ist eine Lektion, die sie über Jahrzehnte gelernt haben, die Väter ihren Söhnen eingebläut haben (und manchmal auch Söhne ihren Vätern). Sie haben gelernt, dass Vergrößerung und Professionaliserung Zukunft bedeuten. Und jetzt soll das alles falsch gewesen sein?

Am Tag nach dem Ende der Eurotier wird das Ergebnis einer Messeumfrage veröffentlicht. 60 Prozent der Besucher haben gesagt, dass sie investieren wollen. Sie wollen vergrößern, automatisieren, professionalisieren. 140.000 Besucher hatte die Messe in diesem Jahr. 60 Prozent davon, das sind 84.000. Es gibt eine andere Zahl, die in diesem Zusammenhang interessant ist: 180.000. So viele Exemplare des Buches „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer wurden seit August in Deutschland verkauft. Der amerkanische Autor schreibt:“Wir führen einen Krieg gegen alle Tiere, die wir essen, oder genauer gesagt, wir lassen einen Krieg gegen sie führen. Dieser Krieg ist neu und hat einen Namen: ‚Massentierhaltung'“.

Als es im August erschien, löste Safran Foers Buch eine beispiellose Debatte über Vegetarismus und Tierrechte im deutschen Feuilleton aus. Die Rezensenten schrieben von einer „Idee, deren Zeit gekommen ist“ und prognostizierten: „Wenn ein Buch die Kraft hat, die Welt zum Fleischverzicht zu bekehren, dann ist es ‚Tiere essen‘.“ Safran Foer hat für sein Buch die Lebensbeichten von Farmern protokolliert und mit großen Fleischerzeugern korrespondiert, er hat seine Kindheitserfahrungen mit Lebensmitteln geschildert und beschrieben, wie Hühner auf Schlachthöfen verstümmelt werden, bevor sie sterben. Auch Safran Foer unterscheidet zwischen Bauernhöfen und Agrarfabriken. In einem Kapitel schildert er, wie er mit einer Tierschutzaktivistin nachts in eine Putenfarm einsteigt. Das erste was er sieht, ist „ein riesiger Kornspeicher, der eher aussieht wie etwas aus Blade Runner als aus Unsere kleine Farm. (…) Jeder hat ja ein Bild von einem Bauernhof im Kopf, bei den meisten gehören Felder, Scheunen, Traktoren und Tiere dazu oder zumindest eines dieser Dinge. Ich bezweifle, dass irgendjemand auf der Welt, der nicht mit Viehzucht zu tun hat, das Bild vor Augen hat, das ich jetzt sehe. Aber vor mir liegt die Art Farm, die 99 Prozent des in den USA konsumierten Fleischs produziert.“

Safran Foers „Tiere essen“ ist das Buch zu einer neuen Protestbewegung. Die Bewegung besteht aus Menschen, die sich die viehhaltende Landwirtschaft ganz anders vorgestellt haben, als sie ist. Dann kam die viehhaltende Landwirtschaft ihnen nahe, etwa in Form eines Stalls für ein paar tausend Schweine draußen vor der Siedlung. Jetzt stehen diese Menschen vor dem Landwirtschaftsministerium in Hannover und halten Transparente hoch, auf denen steht: „Dieses Ministerium fördert Massentierhaltung“.

In der Novemberausgabe des „Deutschen Tierärzteblattes“ schreibt Thomas Blaha, Professor für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, es gebe keine Definition für Massentierhaltung. Die fehlende Begriffsdefinition schaffe ein Vakuum, in dem „Bücher wie ‚Tiere essen‘ nahezu ungebremste Wirkung entfalten können.“ Die Angaben im Anhang von Safran Foers Buch  („Rund 98 Prozent der in Deutschland gehaltenen Tiere stammen aus Massentierhaltungsbetrieben“) beruhten auf der willkürlichen Festlegung einer Tierzahl, ab der ein Hof eine „Massentierhaltung“ sei. Blaha ist einer der großen Erklärer des landwirtschaftlichen Strukturwandels in Deutschland. Er betont, dass es Tierleid in deutschen Ställen gebe und er es nicht ausblenden wolle. Doch habe die Betriebsgröße damit nichts zu tun. Tierleid in landwirtschaftlichen Betrieben entstehe, wenn man die Tiere den Technologien anpasse statt die Technologien den Tieren. Die Tiere den Technologien anpassen, das heißt für Blaha: Schnäbel zu kürzen, damit Vögel sich nicht gegenseitig hacken, und Hörner abzusägen, damit Kühe sich nicht gegenseitig aufspießen können. Die Technologien den Tieren anzupassen, hieße in beiden Fällen mehr Platz, Ställe, die so gestaltet sind, dass die Tiere sich aus dem Weg gehen können.

Doch in dem öffentlichen Diskurs, der sich entwickelt hat, geht es nicht um eine Verbesserung von Technologien, um mehr Platz pro Huhn oder Auslauf für Mastschweine. Die neu entstandene Protestbewegung will das gesamte System nicht mehr. Es mag sein, dass Safran Foer eine genaue Definition von „Massentierhaltung“ schuldig bleibt, dass er nicht differenziert genug urteilt oder mit der Voreingenommenheit und Unerfahrenheit des Städters. Doch sein Buch hat für viele Menschen eine Ahnung bestätigt: Safran Foer berichtet von der totalen Unterwerfung der Tiere. Er beschreibt, wie Schlachthof-Arbeiter lebende Hühner, deren Fleisch in den Schnellrestaurants der Kette „KFC“ landet, schwer misshandeln: ihnen Farbe ins Gesicht sprühen, ihnen den Kopf abreißen, auf ihnen herumtrampeln. Er schildert, wie Masthühner, die am Tag gerade vier Stunden Dunkelheit in ihren überfüllten Ställen haben, in den 42 Tagen ihres Lebens vor Qual verrückt werden. Er lässt einen Geflügelzüchter sagen: „Was die Industrie kapiert hat – und das war die eigentliche Revolution -, war, dass man keine gesunden Tiere braucht, um Profit zu machen. Kranke Tiere sind profitabler.“

Das, was Safran Foer schildert, ist geeignet, ein ganzes System in Verruf zu bringen und den Konsumenten die Lust zu nehmen, sich in irgendeiner Weise weiter daran zu beteiligen. Selbst die Begriffe „Bio“, „Freiland“ oder „kontrolliert“ haben vor diesem Hintergrund an Strahlkraft eingebüßt. Die Verbraucher wollen nun neue Wörter mit neuen Bedeutungen. Es ist zweifelhaft, dass „Technologie“ ein Begriff ist, der hier noch etwas ausrichten kann. Wie es derzeit aussieht, müssten die neuen Begriffe viel eher lauten: „kleinbäuerlich“, „Familienbetrieb“, „langsam wachsend“, „mit der Hand“. Oder eben „Bauernhof“. Statt „Agrarfabrik“. Dahinter steht die Sehnsucht nach einem totalen Gegen-, ja Neuentwurf: nach kleinen Höfen und Landwirten, die jedes Tier beim Namen nennen. Egal, wie realistisch, wie umsetzbar das alles ist: Ein neues gesellschaftliches Klima ist entstanden, in dem neue Forderungen gestellt werden.

In der aktuellen „Agrarzeitung“ spricht Helmut Born, Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes, von „emotional sehr aufgeladenen Tierschutzdiskussionen“. Die Gesellschaft erwarte, dass man Nutztiere so halte wie vor 50 Jahren. Drei Tage nach dem Ende der „Eurotier“, am Dienstag, wird in Berlin die Tagung „Öffentlichkeitsarbeit 2020 der deutschen Landwirtschaft“ beginnen. Dort wird ein Sprecher des Bauernverbandes sagen, es sei derzeit äußerst schwierig, der Bevölkerung Modernisierungen in der Landwirtschaft nahe zu bringen. Den Verbrauchern, wird er ein Beispiel nennen, sei nicht vermittelbar, dass Tiere nicht mehr auf Stroh gehalten würden.

In Hannover treffen sich wenige Meter von der „Eurotier“ entfernt die deutschen Tierärzte zu ihrem traditionellen Herbstkongress. Im Convention Center finden sich 2500 Frauen und Männer ein, deren Berufsstand seit seinem Bestehen eng mit der Landwirtschaft zusammenarbeitet. Sie haben kein Gelöbnis unterschrieben wie die Humanmediziner, aber sie unterliegen einer Berufsordnung, in der sie als „berufene Schützer der Tiere“ bezeichnet werden. „Gibt es eine Leistungsgrenze der Milchkühe?“ und „Aktuelle Tierschutzprobleme beim Schwein“ heißen die Vorträge auf dem Tierärztekongress. Vielleicht gibt es hier etwas Einordnendes zu hören, etwas, das zwischen den Welten vermittelt.

Am Freitagabend kommen die Tierärzte zu einer berufspolitischen Kundgebung in Saal 3 zusammen. Unter anderem sprechen Gesundheitsminister Rösler und Hans-Michael Goldmann (FDP), Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz im Bundestag. Goldmann, Sohn eines Veterinärrats aus dem Emsland und selbst Tierarzt, kommt gleich zum Punkt: „Wir stehen vor dramatischen Herausforderungen“, sagt er. Diese ergäben sich aus der tiefen Kluft zwischen Befürwortern unterschiedlicher Produktionsstile in der Landwirtschaft: „Eine intensive, ja hochintensive Landwirtschaft auf der einen, eine ökologisch-nachhaltige Landwirtschaft auf der anderen Seite.“ Die Befürworter von letzterer seien zwar oft naiv in ihrer Einschätzung, aber: „Wir wissen um die Probleme, die die hochintensive Landwirtschaft mitbringt“, sagt Goldmann. Er steht unter dem Eindruck eines soeben hochgekochten Mastskandals, der das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium seit Ende Oktober beschäftigt. Das NDR-Fernsehen hatte enthüllt, dass Mastgeflügel in Niedersachsen heute häufiger mit Antibiotika behandelt wird als noch vor zehn Jahren; die Tiere seien so krank, dass sie ohne die Medikation ihre nur fünf Wochen dauernde Mast gar nicht überstehen würden. Zwei Tage nach Ende der Eurotier wird das Ministerium sich gezwungen sehen, öffentlich einzuräumen, dass es schwere Tierschutzmängel in der Geflügelhaltung gebe.

Später, am Buffet in Hannover, stehen einige junge Leute bei Krustenbraten und Carpaccio zusammen, es sind Tierärzte, die sich auf Rinder und Schweine spezialisiert haben. Tagein, tagaus arbeiten sie mit Landwirten zusammen und mit deren Tieren. Sie glauben nicht, dass sich etwas verändern wird. Einer schlägt auf die Gesäßtasche seiner Jeans, dorthin, wo das Portemonnaie versenkt ist. „Damit“, sagt er, „entscheidet der deutsche Verbraucher. Mit dem Portemonnaie.“

Doch so einfach ist es nicht mehr. Vor wenigen Wochen erschien ein Gutachten der Uni Göttingen, das vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Auftrag gegeben worden war. Die Göttinger Wissenschaftler hatten ausloten sollen, welche Barrieren und welche Chancen in Deutschland für ein Tierschutzsiegel auf Lebensmitteln bestehen. Herausgekommen ist ein deutliches Plädoyer für das Tierschutzsiegel. Die Nachfrage nach tiergerecht erzeugten Produkten sei bisher unterschätzt worden. Man müsse sogar befürchten, dass Lebensmittel ohne Siegel sich nicht mehr verkaufen lassen, sobald das Siegel einmal eingeführt ist. Das Siegel soll gewährleisten, dass die Tiere zu Lebzeiten ihr natürliches Verhalten ausüben können und sich wohl fühlen.

Der Verbraucher ist eine mächtige Figur. „Umwelt- und Tierschutz: Diskussionen ernst nehmen“, heißt ein Artikel in der Dezemberausgabe der „Top Agrar“. Auf einer Seite erhalten Landwirte einen Crashkurs über den Stimmungswandel in der Bevölkerung. Der Tierschutz werde zu einer zentralen Forderung der Gesellschaft, heißt es hier. „Der Lebensmitteleinzelhandel wird die Diskussion um die Tiergerechtheit nutzen, um beim Verbraucher zu punkten. Die Diskussionen um die Betreuungszeit je Tier, um das Kupieren der Ferkelschwänze oder den Flächenanspruch pro Tier werden uns in den nächsten Jahren intensiv begleiten.“ Es sind behutsame Worte, die die Redakteure finden, einfache Formeln für einen Berufsstand, der Jahrzehnte lang andere Regeln gelernt hat.

Veröffentlicht 25. November 2010, 11:41 von Christina Hucklenbroich

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