Presseartikel 21.11.2010

Probsteier Herold vom  21.11.2010:

Sonntag, 21. November 2010

Mit der Ruhe in Lutterbek ist es vorbei

Gleich zu Beginn der Gemeindevertretersitzung gab es am Dienstagabend im Lutterbeker Dorfgemeinschaftshaus Unruhe. Gemeindevertreter Jürgen Brockmann (SPD) beantragte, die zahlreich erschienenen Einwohner in einem zusätzlichen Tagesordnungspunkt über den Stand der Planung und den Stand der Antragstellung der Lutterbeker Biogasanlage zu informieren, „weil sie ja deshalb gekommen sind“. Damit begann eine erregte, emotionsgeladene Diskussion. Es zeigte sich, dass weder Gegner noch Befürworter der Biogasanlage bereit sind, auch nur ein Fingerbreit ihres Standpunktes aufzugeben. Um die Widerspruchsrechte der Gemeinde zu prüfen, soll jetzt ein Rechtsanwalt eingeschaltet werden.


Mit so viel Publikum hatte Bürgermeister Jens Peters nicht gerechnet. Emotionsgeladen wurde in Lutterbek die Biogas-Diskussion geführt. Foto: Butzke

Während Bürgermeister Jens Peters zu Beginn der Debatte noch versuchte, einen Damm zu bauen („Wir sind an Regeln gebunden, und ich werde sie befolgen“), beschwerte sich die Anliegerin Lore Eibrecht, deren Grundstück direkt an die für die Anlage vorgesehene Fläche grenzt, über dessen „Bürgerferne“ und seine „gebetsmühlenartig wiederholten Antworten“ auf die Kritik des Dorfes. An Wolf Mönkemeier gerichtet, der die Anlage bauen will, erklärte sie, ihr Haus entgegen seiner ihr gegenüber geäußerten Wünsche keinesfalls verkaufen zu wollen.
In seiner Stellungnahme bedauerte Mönkemeier, dass sich die Fronten verhärtet hätten, betonte aber nachdrücklich: „Wenn das Gesetz es hergibt, werde ich diese Biogasanlage bauen.“ Er wehrte sich zugleich gegen Angriffe in puncto des gewählten Standortes der Anlage. Niemand außer Lore Eibrecht werde in Lutterbek „größere Notiz“ von der Anlage nehmen, außerdem müsse, wie jeder wisse, beim Leben auf dem Land immer ein gewisser Anteil an Emissionen hingenommen werden.
Es gehe nicht nur um die Lutterbeker Anlage, stellte Jürgen Brockmann fest, auch „die Lebensbedingungen werden nachhaltig verändert“. Wie Pilze würden die Biogasanlagen aus der Erde schießen, auch Barsbek und Schönkirchen würden Anlagen planen, es seien immer mehr Dörfer betroffen. Unterstützt wurde er von seiner Fraktionskollegin Maren Kampz, die dazu aufforderte: „Wir müssen das regional sehen.“ Daraufhin gab auch Bürgermeister Jens Peters zu: „Ich bin selbst erschrocken über den Wildwuchs an Biogasanlagen.“
Nachdem Hans-Jürgen Woltmann (SPD) unter Beifall erklärt hatte, die gewählten Gemeindevertreter müssten sich um die Interessen des Dorfes kümmern, Maren Kampz aber – wie auch alle anderen Gemeindevertreter – zugeben musste: „Ich fühle mich überfordert, das Verfahren auf Richtigkeit zu überprüfen“, stellte Jürgen Brockmann den Antrag, dass die Gemeinde sich im Baugenehmigungsverfahren rechtlich beraten lassen solle. Das kommt jetzt zunächst auf die Tagesordnung des Hauptausschusses, zu dessen neuem Vorsitzenden Gerald Gleue (CDU) gewählt wurde. Jörg Wilms hatte den Ausschussvorsitz aus beruflichen Gründen abgegeben.

Kommentar von Gabriele Butzke

Lutterbek – Ein Dorf geht kaputt

Wie war es doch noch einfach und übersichtlich, als sich in Höhndorf der Protest gegen den Schweinemastbetrieb formierte. Der „Feind“ saß vor den Toren des Dorfes, und die Dörfler waren sich einig in ihrem Widerstand. In Lutterbek ist alles anders. Der „Feind“ lebt mitten unter den Biogas-Gegnern; er und seine Frau sind vielfältig ins Dorfleben eingebunden. Kann so etwas gutgehen? Das kann es augenscheinlich nicht.
Der Kampf Mann gegen Mann (und auch Frau gegen Mann und umgekehrt) hat in Lutterbek begonnen – und auf diesem Schlachtfeld kann es nur ernsthaft Verletzte geben. Einen Vorgeschmack darauf konnte man auf der letzten Gemeindevertretersitzung erleben. Die Anliegerin neben der geplanten Biogas-Anlage berichtete empört von der Anfrage des Betreibers, ob sie nicht ihr Haus verkaufen (und evtl. ins Altenheim umziehen) wolle. Und der schlug mit einer uralten Geschichte zurück: Das Haus sei sowieso illegal errichtet worden; die einst hier geplante Geflügelfarm sei nie realisiert worden.
Zwei Verletzte blieben zurück. Der verbale Kampf hat Wunden gerissen. Und das ist erst der Anfang. Das Dorf ist entzweit. Exakt die Hälfte der Einwohner hat inzwischen die Listen gegen die Biogas-Anlage und den Maisanbau in der Probstei unterschrieben. Die andere Hälfte schweigt und liebäugelt vielleicht mit preiswerter Wärme oder mit Gewinnen aus dem Maisanbau. Oder es sind Freunde des Betreibers. Warum auch nicht?

Lutterbek geht kaputt, und die Probstei sieht zu. Es wird nie wieder so sein wie zu Zeiten des Strohfigurenwettbewerbs, als das Dorf gemeinsam stolz war auf seinen Drachen, der dann auch uneinholbar zum Sieg eilte. Jetzt will niemand mehr das schöne Tier haben, das kürzlich zur Versteigerung ausgeschrieben war. Kein einziger Interessent meldete sich. Und das „fabelhafte“ Lutterbek? Es ist Geschichte. Statt dessen herrscht Maiskrieg. Schade.

SONNTAGSTIPP VERDEN 21.11.2010 SIE HABEN SCHON GEWONNEN