Presseartikel 28.09.2010

Dienstag, 28. September 2010

Droht die „Vermaisung“ der Probstei?

Fast bis auf den letzten Platz gefüllt war Donnerstagabend der Saal im „Lutterbeker“. Die Lutterbeker Bürger wollten Präsenz zeigen angesichts der augenscheinlichen Ohnmacht, mit der sie den Bau einer Biogas-Anlage in ihrem Dorf und den Anbau von Mais auf zahlreichen Feldern vor ihrer Haustür hinnehmen müssen. Wolf Mönkemeier weiß das Recht zum Bau seiner 500-KW-Biogasanlage auf seiner Seite und kann sich ein noch größeres Werk in Lutterbek vorstellen.

Zur Podiumsdiskussion hatte die Lutterbeker SPD sowie Moderatorin Susanne Hanebuth den Landwirt Wolf Mönkemeier als Betreiber der geplanten Anlage, Bürgermeister Jens Peters, Fritz Heydemann vom Naturschutzbund NABU und Bernd Voss, den agrarpolitischen Sprecher der Grünen im Landtag, eingeladen. Fazit der Veranstaltung: Der Wille zum Widerstand wächst.

Mit deutlichen Worten kritisierte der Grüne Bernd Voss das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000, das zwar eine „richtige Erfolgsgeschichte“ aufweise und in rund 40 Ländern exportiert worden sei, seine Schwachstellen aber immer mehr offenbare. Es biete keine Handhabe gegen den Boom der großen Biomasse-Anlagen, die sich „nur in Richtung Mais-Anlagen“ entwickelten. Eine „Vermaisung“ drohe, sagte Voss. Außerdem muss, seiner Meinung nach, das „Privilegierte Bauen“, das Bauvorhaben auf Flächen ohne B-Plan außerhalb bebauter Ortsteile uneingeschränkt erlaubt, dringend überarbeitet werden.

Auf dieses Recht beruft sich Landwirt Wolf Mönkemeier, der außerhalb des Dorfs nahe der B 502 eine 500-KW-Biogas-Anlage bauen will. Damit könnten vier Millionen Kilowattstunden Strom für den Energieverbrauch von 1.000 Haushalten erzeugt werden, so Mönkemeier. Die thermische Leistung dieser Anlage entspreche 300.000 Liter Heizöl, dem Wärmeverbrauch von 100 Haushalten. Gefüttert werde die Anlage mit 4.500 Kubikmeter Schweinegülle (2.500 Kubikmeter aus dem eigenen, der Rest aus dem Fiefbergener Betrieb) und Mais von 100 Hektar Land (elf Felder zwischen Laboe und Stein) sowie anderen Pflanzen (Zuckerrüben von der Hessischen Hausstiftung) von 80 Hektar.

Nur 540 Anlieferungsfahrzeuge (25-Tonner) würden die Straßen jährlich befahren, so Mönkemeier weiter, und auch nicht Lutterbeker Straßen, sondern Kreisstraßen und die B 502 (mit Passage durch Wisch und Barsbek). Auf Nachfrage der Moderatorin erklärte er außerdem, von der erzeugten Wärme sei bei der derzeit geplanten Größe der Anlage „für Lutterbek nichts mehr übrig“. Die gesamte Leistung solle in Wendtorf ins Netz der Stadtwerke eingespeist werden. Falls Lutterbek von der Wärmeleistung profitieren wolle, müsse „die Gemeinde ein Signal geben“; er würde dann „ein größeres Blockkraftwerk hinstellen“. Das größere Werk würde bedeuten, dass ein B-Plan aufgestellt werden muss, erklärte Lutterbeks Bürgermeister Jens Peters den Zuhörern. Derzeit habe die Gemeinde jedoch „keine Handhabe“, denn das 500-KW-Werk falle unter das Recht des „Privilegierten Bauens“. Verweigere die Gemeinde die Zustimmung, könnte Mönkemeier sich die Genehmigung aus Plön holen und Lutterbek sogar auf Schadenersatz verklagen. Der Protest des Publikums gegen solche Aussagen war ihm sicher. „Wie kann es angehen, dass die Gemeinde nicht beteiligt wird?“, fragte Strupp Marx, die Betreiberin des „Lutterbeker“, erregt und: „Wir sollen nur schlicht das Maul halten.“

In puncto „Privilegiertes Bauen“ musste auch Naturschützer Fritz Heydemann die Waffen strecken. Ansonsten schrieb er den Betreibern von „Agrargas“-Anlagen (das Wort „Biogas“ verwendet der NABU nicht) ins Stammbuch, auf die Energie-, Klimaschutz- und Umweltbilanz zu achten. Wer auf die Energiebilanz achte, müsse die Transportfahrten gegen den „Agrargas“-Ertrag aufrechnen. Bei der Klimaschutzbilanz dürfe nicht das überaus giftige Abfallprodukt Lachgas vergessen werden, dessen Schädlichkeit CO² um das 300-fache übersteige und das Grundwasser vergiften könne. „Unten ist alles tot auf dem Maisacker“, führte Heydemann aus und zitierte den Buchtitel „Eine Landschaft funkt SOS“ (von Bernd Koop).

Für die Gegner der geplanten Biogas-Anlage waren das alles Argumente genug. „Ich finde, dass wir nicht so ohnmächtig sind“, resümierte Moderatorin Susanne Hanebuth am Ende des Abends und läutete damit eine neue Runde des Widerstands ein.

Quelle: Probsteier Herold (Schönberg/Schleswig-Holstein) vom 12.09.2010 – http://www.probsteier-herold.de