Leserbrief Eckehard Niemann in „Die Zeit“: Bauernhöfe: keine Idylle, sondern Zukunftsmodell

Leserbrief zu „Die ewige Sehnsucht nach der Idylle“ in ZEIT 24/2012*:

Bauernhöfe: keine Idylle, sondern Zukunftsmodell

 

Autor Börner, selber in der industrienahen Tierzucht tätig, nimmt die Agrarindustrie in Schutz. Allerdings ohne jeden Beleg für seine Behauptung, dass die Agrarindustrie„effizient“ sei – angeblich im Gegensatz zu Bauernhöfen. Ihm reicht es, sich an den von der Lebensmittel-Industrie gepflegten Bildern von einer angeblichen bäuerlichen Idylle abzuarbeiten. Deren geringen Realitätsbezug nachzuweisen – diese seine Themenstellung ist zwar wenig anspruchsvoll, mag aber ihre Berechtigung haben.

Schlimm wird es da, wo Börner behauptet, neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse würden nur in der Agrarindustrie umgesetzt – die ja das „Kunststück“ fertig bringe, mit nur 17 Millionen Hektar 80 Millionen Menschen zu ernähren. Ganz abgesehen, dass Börner die Sojafutter-Importflut von südamerikanischen Flächen ausblendet, ist dies ein Schmarrn: Die Landwirtschaft, vor allem in Westdeutschland, wird gottlob noch nicht von der Agrarindustrie, sondern von Bauern dominiert, die – ob nun konventionell oder ökologisch wirtschaftend – moderne wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen.

Das wissen auch die allermeisten Verbraucher und Bürger. Deren wachsende Kritik an der Agrarindustrie und die Forderung „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ speist sich denn auch beileibe nicht aus der Sehnsucht nach Idylle oder aus einer Angst vor einer komplizierten Welt, sondern aus klar ersichtlichen, schlimmen agrarindustriellen Entwicklungen.

Klein ist zwar nicht immer gut und Groß nicht immer schlecht. Wohl aber führen agrarindustrielle Methoden in Konzernhand zu offensichtlich schlimmen Folgen: wenn unsere Ernährungsgrundlagen weltweit nach dem Shareholder-Value-Kurzfristprofit von Gentechnik-Konzernen wie Monsanto gestaltet und vernichtet werden oder wenn die Tier-Qualhaltung in Konzern-Agrarfabriken zu ruinöser Überschussproduktion, Umwelt- und Grundwasser-Belastung und zu gefährlichen Keim-Emissionen führt.

Die Alternative zu Agrarfabriken ist nicht eine falsche Kleinbauern-Idylle, sondern eine Vielfalt von gut strukturierten, rationellen, mittelständischen Bauernhöfen, auf denen konzernunabhängige Bauernfamilien mit Generationendenken, vielfältigen Fruchtfolgen und weitestmöglichen betrieblichen Kreisläufen wirtschaften, mit eigener Futterfläche und artgerechter Haltung.

Die neue gesellschaftliche Bewegung, die solche Ziele und Rahmenbedingungen immer erfolgreicher von der Politik einfordert, mag der Autor im fernen Australien noch nicht mitbekommen haben. Den UNO-Weltagrarbericht, der weltweit für Bauernhöfe statt Agrarindustrie plädiert, sollte er aber auch dort eigentlich gelesen haben. Börners banale und unwissenschaftliche Rechtfertigung der Agrarindustrie bleibt umso realitätsferner.

Eckehard Niemann, Dipl.Ing.agr., Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft – AbL, 29553 Varendorf, 0151-11201634

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