Institut weist nach: Gülle aus Tierhaltung beinflusst Bakterien in Böden negativ durch Antibiotika

Das Julius-Kühn-Institut aus Braunschweig – das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Deutschland – hat in einer aktuellen Studie nachge-wiesen, dass durch Ausbringen von mit Antibiotika belasteter Gülle aus Tierställen die gefährlichen Antibiotika-Resitenzen vermehrt werden und diese häufiger übertragen werden.

In einer am 01.07.2014 veröffentlichten Pressemitteilung des Julius-Kühn-Insituts heißt es wörtlich: „Die Ergebnisse legen nahe, dass mit Antibiotika kontaminierte Gülle zumindest kurzfristig die Bakterien-gemeinschaften im Boden stören und zur Erhöhung der Häufigkeit und Übertragbarkeit von Antibiotikaresistenzen führen kann. Dies könnte zur Entstehung multiresistenter Keime beitragen und letztlich zum Gesundheitsrisiko für Menschen werden.“

Dass der verantwortliche Landwirtschaftsminister aus Mecklenburg-Vorpommern, Dr. Till Backhaus (SPD) in einer Stellungnahme in Manier eines Lobbyisten der Agrarindustrie versucht, die Forschungsergebnisse klein zu reden, ist angesichts der enormen Gefahren für Gesundheit und Leben von vielen Menschen ein unfassbarer und skandalöser Vorgang. Backhaus muss sich wiederholt fragen lassen, ob er seinem Bundesland und vor allem den dort lebenden Menschen nicht einen letzten echten Gefallen tut und endlich von seinem Amt zurücktritt. 

Hier Berichte der Medien:

Folgende Dokumente zur Problematik Antibiotika-Resistenzen:

Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft AbL hat zu der neuen Studie folgende Pressemitteilung veröffentlicht:

Pressemitteilung
Bauernorganisation AbL: Studie zu Bodenwirkungen von antibiotika-kontamierter Gülle und antibiotikaresistenten Keimen sehr ernst nehmen!

Der Landesverband Niedersachsen/Bremen der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) ruft alle Verantwortlichen im Agrarbereich dazu auf, die Ergebnisse einer neuen Studie von Wissenschaftlern des Julius-Kühn-Instituts zu den Bodenwirkungen von Antibiotika und antibiotika-resistenten Keimen aus antibiotika-kontaminierter Gülle sehr ernst zu nehmen. Dies gelte vermutlich in noch stärkerem Maße für die überregional transportierten Hühnermist- und Trockenkot-Frachten aus Agrarfabriken. Zuvor habe bereits das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) über neu auftretende Bakterien-Resistenzen in Schweine- und Hähnchenmastanlagen gegen Human-Reserve-Antibiotika berichtet. Das BfR habe zudem bereits im letzten Jahr in einer Metastudie darauf hingewiesen, dass das Auftreten antibiotikaresistenter Keime z.B. in der Schweinehaltung massiv abhängig sei von der Größe der Tierhaltungsanlagen und von der Art der Tierhaltung. Der AbL-Landesvorsitzende Ottmar Ilchmann bezeichnete Antibiotika und antibiotika-resistente Keime in der Tierhaltung als „im Kern agrarindustrielles Problem“. Angesichts des sehr hohen und oft mehrfachen Einsatzes von Antibiotika in den systembedingt antibiotika-abhängigen Agrarfabriken sei eine Agrarwende in Richtung einer artgerechten Tierhaltung in mittelständisch-bäuerlichen Strukturen überfällig.
 
Der AbL-Landesverband sieht sich auch durch eine weitere Untersuchung der European Medicines Agency (EMA) in seiner Forderung nach einer artgerechten und damit antibiotika-unabhängigen Nutztierhaltung mit Stroh und Auslauf in mittelständisch-bäuerlichen Strukturen bestätigt. Der hohe und systematische Einsatz von Antibiotika zur Kaschierung unzureichender Haltungsbedingungen vor allem in großen Tierfabriken werde von der Gesellschaft nicht mehr hingenommen. Die damit verbundene Herausbildung und Verbreitung antibiotika-resistenter Keimekönne und  müsse rasch durch ein europaweites Stall-Umbauprogramm angegangen werden. Das bewiesen Länder wie Schweden, Norwegen und Finnland, die – im Gegensatz zu Deutschland – seit Jahren die EU-Vorgaben einer artgerechten Tierhaltung umsetzten und auch deshalb die geringsten Antibiotika-Zahlen pro Tier in der EU vorweisen könnten – dort beschränke sich der Antibiotika-Einsatz auf die Einzelbehandlung von wenigen kranken Tieren.

Wie der Spiegel in kürzlich berichtet habe, lägen die Antibiotika-Verkäufe für Schlacht- und Milchtiere im Jahre 2011 (in mg je kg „behandelter Biomasse“) in Deutschland mit 211 Milligramm deutlich höher als in den meisten anderen EU-Ländern, übertroffen nur von Zypern (408 mg), Italien (370 mg) und Spanien (249 mg). Auf den folgenden Plätzen mit immerhin deutlich niedrigerem Antibiotika-Verbrauch rangierten Intensivhaltungs-Länder wie Belgien (175 mg), Frankreich (117 mg) oder die Niederlande (114 mg).  Die niedrigsten Antibiotika-Zahlen liste die EMA in Norwegen (3,7 mg), Schweden (13,6 mg) und Finnland (23,8 mg).   

Auch das Beispiel Dänemark mit immerhin 43 mg/kg werde im Spiegel-Artikel „Schweinerei im Saustall“ als positives Vorbild herausgestellt und in Verbindung gebracht mit einer klaren Erfassung jedes einzelnen Antibiotika-Einsatzes je Betrieb und Tierart, der Veröffentlichung aller Betriebe mit hohem Einsatz und mit den damit verbundenen deutlichen Sanktionen. Auch die Verscheibungspflicht und das Dispensierverbot, also des Verkaufs von Medikamenten durch die Tierärzte selber, hätten zu einer deutlichen Verringerung der Antibiotika-Verabreichung geführt. Zudem verzichteten die dänischen Veterinäre auf den Einsatz jener Antibiotika, die in der Humanmedizin wichtig seien.

Derlei Beschränkungen, so der Spiegel, gebe es in Deutschland nicht, auch die ab April 2014 geplante Novelle des Arneimittelgesetzes enthalte keine konkreten Senkungsziele oder Sanktionen. Thomas Blaha von der Tierärztlichen Hochschule Hannover kritisiere in diesem Zusammenhang die Antibiotika-„Hochverbraucher“, man sei in Deutschland „zu lange den leichteren Weg gegangen“. Ebenso bemängele Theodor Mantel als Präsident der Bundestierärztekammer die Kompensation schlechter Haltungsbedingungen durch hohe Medikamentengaben. Auch dadurch, so der Spiegel, entstünden resistente Keime, gegen die fast kein Medikament mehr wirke und die zum Beispiel eine Lungenentzündung auch für Menschen lebensbedrohlich werden lasse. Epidemiologen sähen laut Spiegel bereits ein „postantibiotisches Zeitalter“ ohne wirksame Medikamente heraufziehen.    

Besondere Brisanz gewinnt all das laut AbL durch die massive Herausbildung neuartiger antibiotika-resistenter Keime nicht mehr nur in Krankenhäusern, sondern verstärkt auch in Tierhaltungsanlagen. Das Problem stehe in einem deutlichen Zusammenhang mit unzureichenden Haltungsbedingungen und der Größe der Ställe. Der wachsende Widerstand der Anwohner und von immer mehr Bürgerinitiativen im Netzwerk „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“, unterstützt durch die neue Ärzte-Initiative gegen Massentierhaltung und antibiotika-resistente Keime“  gründe insbesondere auch auf dieser Gefahr durch Emissionen und anderen Verbreitungswegen. Eine Studie der Universität Utrecht habe auch in ein Kilometer Entfernung von Tierfabriken noch eine deutliche und überdurchschnittliche Häufung von Erkrankungen festgestellt. In Deutschland gebe es zum Schutz der Anwohner zwar Grenz-Oberwerte für Geruch und Ammoniak, aber immer noch keine Schutz-Grenzwerte für die Belastung der Anwohner von großen Tierfabriken durch Keime – dieses Thema müsse der Gesetzgeber jetzt dringend angehen.                   
“Eine wirkliche Lösung auch dieses im Kern agrarindustriellen Problems“, so der niedersächsische AbL-Landesvorsitzende Ottmar Ilchmann, „liegt in einem raschen und EU-weiten Umbauprogramm auf eine artgerechte Tierhaltung in mittelständisch-bäuerlichen Größenordnungen mit mehr Platz, Stroh und einem zumindest beschränkten Auslauf der Tiere.“ Die EU habe bereits mit Vertragsstrafen gedroht, wenn Länder wie Deutschland nicht endlich die EU-Vorgaben eines Kupierverbots von Ringelschwänzen und Schnäbeln und eines Zugangs der Tiere zu Stroh einhielten. Der noch von der alten CDU-FDP-Landesregierung erarbeitete Niedersächsische Tierschutzplan mit einem Kupierverbot bis 2016 sei wesentlich auch eine Reaktion darauf und ein Anstoß für rasche ähnliche Schritte bundes- und europaweit. Die Beschränkungen des Bundesbaugesetzes für flächenknappe gewerbliche Megaställe müssten jetzt rasch auf sämtliche Megaställe mit mehr als 1.500 Mastschweinen, 30.000 Masthühnern oder 15.000 Legehennen oder Puten ausgeweitet werden.     

 

6.700 Zeichen  –  02.07.2014

 

 

 

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