Hähnchenmast: Boom mit Risiken / Aufsatz Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, ISPA, Universität Vechta

Veredlung

27.10.2010

Hähnchenmast: Boom mit Risiken

Kein anderer Zweig der Tierproduktion ist in den zurückliegenden Jahren in Deutschland so schnell gewachsen wie die Geflügelmast. Grund ist zum einen der höhere Pro-Kopf-Verbrauch beim Geflügelfleisch, zum anderen sind es die steigenden Ausfuhren. Doch es gibt inzwischen auch mahnende Stimmen, wie die von Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, die Risiken des Wachstums aufzeigen.

Mehrere Unternehmen der Geflügelfleischbranche wollen expandieren. Dafür werden neue Mastkapazitäten gesucht. Foto: Diekmann-Lenartz

Die enorme Entwicklung der deutschen Geflügelfleischproduktion spiegelt eine weltweite Dynamik wider: Das Volumen der Geflügelschlachtungen zwischen 2003 und 2009 ist in Deutschland um 360.000 t oder 38,9 % gestiegen, das von Hähnchenfleisch allein um 256.000 t oder 51,9 %.
Der schnelle Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauches bei Hähnchenfleisch von 9,0 kg (2003) auf 10,7 kg (2009) ist eng gekoppelt daran, dass die führenden Discounter den Verkauf von frischem Fleisch und frischen Convenience-Produkten mit Geflügelfleisch eingeführt haben. Hier eröffneten sich neue Märkte, insbesondere für Unternehmen mit Schwermast (2,5-3,0 kg), die sich auf ein enges Angebotssortiment beschränkten. Unternehmen mit einem anderen Angebotsspektrum (Leichtmast) verloren hierdurch Marktanteile. Sie sehen sich nun veranlasst, ihre Schlachtkapazitäten auf die höheren Mastendgewichte umzustellen und auch in der vorgeschalteten Mast eine andere Strategie zu verfolgen.
Steigende Exporte bei Hähnchenfleisch
Parallel zur steigenden Nachfrage auf dem Inlandsmarkt gelang es, neue Absatzmöglichkeiten für Geflügelfleisch in der EU und auf Drittlandsmärkten zu schaffen. Die Exporte stiegen von 294.000 t (2003) auf 432.000 t (2009) oder um 52,2 % an. Dies führte dazu, dass der Selbstversorgungsgrad bei Hähnchenfleisch schnell anstieg und 2009 mit 105,3 % deutlich über dem Inlandsbedarf lag. Auch beim Putenfleisch nahm der Selbstversorgungsgrad auf 76 % zu.
Die Analyse der Dynamik der zurückliegenden Jahre lässt die berechtigte Frage aufkommen, ob in dieser Entwicklung ein Problem zu sehen ist. Ganz offensichtlich ist es doch den Schlacht- und Verarbeitungsunternehmen gelungen, sich der Nachfrage auf dem Inlandsmarkt anzupassen und diese sogar maßgeblich mitzubestimmen sowie sich aufnahmefähige Absatzmärkte im Ausland zu erschließen.
Zusatzbedarf in den kommenden Jahren
Der Verbrauch an Hähnchenfleisch ist zwischen 2003 und 2009 von 745.000 t auf 878.000 t gestiegen, also um 22.000 t oder knapp drei Prozent pro Jahr. Wenn man davon ausgeht, dass beim Hähnchenfleisch in den nächsten fünf Jahren aufgrund der sich verändernden Altersstruktur der Bevölkerung, innovativer Produkte und einer zunehmend gesundheitsbewussten Ernährung der Pro-Kopf-Verbrauch um 0,4 kg/Jahr gesteigert werden kann, würde dies bedeuten, dass bis 2014 ein Zusatzbedarf von 164.000 t entsteht. Nimmt man weiterhin an, dass es nicht zu einschneidenden Veränderungen bei den Aus- und Einfuhren kommt, wäre eine inländische Produktionssteigerung um etwa 137.000 t notwendig, um dem Zusatzbedarf zu begegnen.
Dieser sich abzeichnenden Nachfrage stehen investive Maßnahmen der führenden Unternehmen gegenüber, die bis 2011 die Schlachtkapazität im Umfang von etwa 160.000 t und in den darauf folgenden zwei Jahren, falls die neu installierten Kapazitäten voll ausgelastet werden können, um weitere 200.000 t steigern dürften.
Die sich abzeichnenden Kapazitätserweiterungen der führenden Unternehmen in der Schlachtung und Verarbeitung machen es notwendig, neue Mastkapazitäten zu schaffen. Sieht man einmal von den Standorten in Süddeutschland und den neuen Bundesländern ab, wird ein Großteil dieser Mastanlagen in den bereits bestehenden Zentren und im Großraum Celle entstehen müssen. Damit ist eine Reihe von Problemen verbunden, die hier nur im Ansatz aufgezeigt werden sollen.
Kampf um die Mastplätze
Zum einen wird es zu einem „Kampf um Mastplätze“ kommen, denn ohne sie ist ein Ausbau der Schlachtkapazitäten nicht sinnvoll. Dabei kann es sich zum einen um neue Mastbetriebe handeln, zum anderen um Erweiterungen bereits bestehender Anlagen. Für die Mäster mag dies auf den ersten Blick von Vorteil sein, weil ihnen zur Zeit günstige Vertragsbedingungen geboten werden. Mittelfristig könnte der Einstieg in die Mast aber auch zu einem Bumerang werden, wenn bei Absatzproblemen auf den nationalen und internationalen Märkten Mastverträge für einen längeren Zeitraum ausgesetzt werden, die Kapitaldienste aber weiterhin zu bedienen sind.
Die Verdichtung in den Zentren wird das Problem der umweltverträglichen Verwertung der tierischen Exkremente und des Krankheits- und Seuchenrisikos verschärfen. Schon jetzt ist in den Verdichtungsräumen der Krankheitsdruck zum Teil extrem hoch. Da man davon ausgehen kann, dass große Mastanlagen ebenfalls Biogasanlagen errichten werden, um dort Geflügelmist in Strom umzuwandeln, wird sich das Problem der Flächenverknappung weiter verschärfen. Die Gärsubstrate lassen sich unbehandelt nämlich nicht über so große Distanzen transportieren wie trockener Geflügelmist. Dies wird in den Zentren der Veredelungswirtschaft das Problem der Flächenverknappung und der Flächennutzungskonflikte weiter verschärfen. Schon jetzt sind hier zum Teil Pachtpreise zu zahlen, die ökonomisch kaum noch vertretbar sind und vor allem den Betrieben mit Sonderkulturanbau Probleme bereiten.
Gleichzeitig werden neue Mastanlagen außerhalb der Zentren Auswirkungen haben auf die Absatzmöglichkeiten von Geflügelmist aus den Verdichtungszentren in die neuen Produktionsräume. Die Warenströme von Getreide werden sich verändern, weil in den neuen Produktionsgebieten ein Bedarf an Mischfutter entsteht. Insgesamt wird die Abhängigkeit von Futtermittelimporten zunehmen, weil die für den Anbau von Getreide und Körnermais zur Verfügung stehenden Flächen abnehmen, was bei den starken Preisschwankungen auf den Rohstoffmärkten ein nicht zu unterschätzendes zusätzliches Risiko bedeutet.
Ein weiteres Problem, das offenbar immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist der Widerstand sowohl von Tier- und Umweltschutzorganisationen als auch der nicht in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung sowie selbst von Landwirten gegen eine weitere Verdichtung bzw. Neuerrichtung von Mastanlagen, Biogasanlagen und die Ausweitung der damit im Zusammenhang stehenden Silomaisflächen.
Welches könnten die Konsequenzen sein, wenn in den nächsten Jahren eine Kapazität im genannten Umfang in der Hähnchenmast sowie in der Schlachtung und Verarbeitung installiert wird, die sich nicht auf dem Inlandsmarkt und auf den internationalen Märkten absetzen lässt? Gerade im Hinblick auf die Exportmöglichkeiten ist Vorsicht geboten, weil vor allem die Drittlandsmärkte hart umkämpft sind und man sich dort bei tief gefrorener Ware mit Unternehmen aus Brasilien und den USA auseinandersetzen muss, die zum Teil deutlich kostengünstiger produzieren können.
Drittland-Absatzmärkte schwer kalkulierbar
Darüber hinaus ist zu berücksichtigen, dass die russischen und chinesischen Märkte schwer zu kalkulieren sind. Russland selbst strebt in den nächsten drei bis fünf Jahren eine vollständige Selbstversorgung bei Hähnchenfleisch an, und die Ukraine hat als potenzielles Lieferland die Geflügelfleischproduktion in den vergangenen Jahren ebenfalls deutlich gesteigert.
Der Binnenmarkt der EU ist schon überversorgt. Hier muss man folglich Unternehmen aus dem Markt drängen, wenn man die Exporte erhöhen will. Dies kann über die Qualität oder den Preis erfolgen. Die besten Aussichten bezüglich einer Ausweitung der Ausfuhren in andere EU-Länder bestehen bei so genannter frischer Ware, weil sie bislang nicht aus Brasilien, den USA oder Thailand eingeführt werden kann. Aber hier wird letztlich ebenfalls der Preis über den Erfolg entscheiden, denn auch Anbieter aus anderen Ländern werden sich diesen neu entstehenden Märkten zuwenden. Wie auch immer, eine verstärkte Abhängigkeit von volatilen Märkten hat in den meisten Fällen zur Folge, dass die Preise gesenkt werden müssen, um sich im Markt zu behaupten. Diese Preissenkungen werden dann zum Mäster „durchgereicht“ werden, der am Beginn der Kette steht.
Folgen einer überhöhten Produktion
Ein zu schnelles Wachstum, das die Bedarfsentwicklung nicht hinreichend berücksichtigt oder falsch einschätzt, kann dazu führen, dass in der gesamten Produktionskette kein Geld mehr verdient wird. Unterschiedliche Reaktionen auf eine solche Situation sind denkbar. Zum einen kann die Kapazität freiwillig zurückgefahren werden, um zu einer Preisstabilisierung zu gelangen. Folge wäre dann die Kündigung von Mastverträgen. Bei den Mastbetrieben, die hohe Investitionen getätigt haben, kann das zu ernsten Liquiditätsproblemen führen, wenn eine solche Phase länger anhält.
Zum anderen kann es aber auch zu einer Marktbereinigung durch die Insolvenz von Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben kommen, bevor sich nach einiger Zeit wieder ein neues Marktgleichgewicht einstellt, weil diese Unternehmen Preissenkungen auf ein für den internationalen Wettbewerb notwendiges Preisniveau nicht mittragen können. Die zweite Variante wird allerdings für die Produktionsstufe die deutlich bitterere sein, weil dann notwendigerweise eine nicht unbeträchtliche Zahl von Mästern aus der Produktion ausscheiden muss. Deshalb sollten landwirtschaftliche Betriebe, die in die Hähnchenmast einsteigen oder sie ausweiten wollen, genau überlegen, ob sie vom Know-how und ihrer Eigenkapitaldecke her in der Lage sind, auch längere Preisflauten zu überstehen und davon ihre Investitionen abhängig machen. Wachstum ist dann ein Risiko, wenn es nicht am wahrscheinlichen Bedarf ausgerichtet ist und zu Überkapazitäten führt.

Prof. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, ISPA, Universität Vechta